Die Gersauer wollen einen Dieb hängen und hängen einen Ziegenbock
Die Gersauer wollten einmal einen Dieb hängen, und da der Weg zum Galgen an dem Bergabhange sehr beschwerlich ist, oder vielmehr kein Landweg dahin führte, wollte man nach früherer Gewohnheit die Gelegenheit des Wassers benutzen, und ein grosser Nauen war zugerichtet, um Menschen und Werkzeug bis an den Fuss des Galgens zu fahren. Als nun auch die Hauptperson, der arme Sünder, einsteigen sollte, erklärte er, eine unüberwindliche Abneigung gegen das Wasser zu haben, ja geradezu wasserscheu zu sein, man möge ihn doch den Landweg gehen lassen, der zwar schwierig sei, aber der Weg zum Himmel sei es ja auch. Die gutmüthigen Gersauer wollten den armen Menschen nicht einen doppelten Tod erleiden lassen; daher beschloss man, für das übrige Personal sich zwar des Nauens zu bedienen, den Verbrecher aber den Landweg gehen zu lassen, jedoch ihm eine Glocke anzuhängen, damit man vom Schiffe aus hören könne, ob er sich auch auf dem rechten Wege zu seinem Ziele befinde. Deutlich hörte man nun fortwährend die Glocke; als aber der Nauen bei dem Galgen ankam, sah man einen grossen schwarzen Ziegenbock mit der Glocke behangen herankommen. Das konnte nur Teufelswerk sein und der Ziegenbock wurde am Galgen aufgeknüpft. Die spöttischen Nachbarn meinten aber, der Verurtheilte habe in dem Gebüsche des Bergabhanges einen wirklichen Ziegenbock angetroffen, diesem die Glocke umgehängt und sei selbst bergauf geeilt.
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch