Mutabor Märchenstiftung

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Aus der Geschichte eines Palmesels

Land: Schweiz
Kanton: Aargau
Kategorie: Schwank

In alten Zeiten war es in vielen Städten Brauch, dass am Sonntage vor Ostern, der der Palmsonntag heisst, ein hölzerner Palmesel in feierlicher Prozession durch die Stadt geführt wurde.

So war es auch in dem schweizerischen Städtchen Bremgarten. Der dortige Palmesel war schon alt und hätte sicher bald einer grossen Reparatur bedurft; da nahmen die Bremgartner die Reformation an und nun war es mit dem Ansehen des Palmesels vorbei. So wenig ward er nun mehr geachtet, dass ihn die guten Bremgartner in die vor ihrem Städtchen vorbeifliessende Reuss warfen und ihm höhnisch glückliche Reise wünschten, als sie ihn mit den Wellen davon schwimmen sahen.

So schwamm der Palmesel bis zu dem Städtchen Mellingen, das ebenfalls an der Reuss liegt. Hier fischten ihn die Katholiken auf und in feierlicher Prozession sollte er nach der Kirche gebracht werden.

Die Protestanten aber widersetzten sich dem; ja ein starker Fleischermeister unter ihnen schlug mit einem Beile dem armen Esel den Kopf ab und warf den Kopflosen wieder ins Wasser, wo die Wellen ihn weiter trugen.

Von der Zeit an blieb den Mellingern der Beiname "Esel" bis aus den heutigen Tag. Die Mellinger selbst nannten sich freilich nicht so, aber in einem bestimmten Falle machten sie wenigstens durch ein Zeichen von diesem Namen Gebrauch.

Auf der Brücke, die bei ihrer Stadt über die Reuss führt, hatte nämlich jeder Fremde einen Brückenzoll zu entrichten, die Bürger Mellingens aber waren von dieser Abgabe frei.

Wenn nun der Brückenzolleinnehmer jemand über die Brücke daher schreiten sah und sich schon bereit machte, den Brückenzoll in Empfang zu nehmen, so geschah es oft, dass der Herannahende die Zipfel seines Rockes in Form langer Eselsohren zusammengefasst an den Kopf hielt. Dann zog sich der Einnehmer in sein Häuschen zurück. Er wusste nun, der Herannahende war ein Mellinger.

Endlich dachten die Mellinger kaum selbst noch daran, was die zusammengefassten Rockzipfel zu bedeuten hatten; am allerwenigsten dachten sie, dass diese Sitte für sie einmal recht bedenkliche Folgen haben würde.

Das war aber der Fall, als einst ein französischer Gesandter über die Brücke fuhr. Der ward wegen des Brückenzolles angefallen, wollte aber nicht zahlen, weil er die Mellinger frei hin und her passieren sah.

Die guten Bürger verstanden nicht Französisch genug, um dem Gesandten begreiflich zu machen, wie das zugehe. Sie nahmen daher ihre Zuflucht zur Zeichensprache, ergriffen ihre Rockzipfel und hielten sie in der ihnen so geläufigen Weise an die Ohren.

Ihnen kam das sehr deutlich vor, dem Franzosen aber sehr ungezogen. Der Gesandte schlug nach den ihm zunächst Stehenden, die ihm die langen Ohren gezeigt hatten; diese wollten sich das nicht gefallen lassen und endlich entstand daraus eine recht hitzige Prügelei.

Der Gesandte fuhr ergrimmt hinweg und beklagte sich bei der schweizerischen Tagsatzung bitter über die Mellinger Bürger.

Das Ende vom Liede aber war, dass die Rathsherren von Mellingen, als der Gesandte das nächste mal die Brücke passierte, knieend und mit einem Stricke um den Hals Abbitte thun mussten.

Der Palinesel, der an allen diesen Verdriesslichkeiten Schuld war, war unterdessen aber zu Ehren gekommen. Mit den Wellen war er aus der Reuss in die Aare geschwommen und in dieser bis zu dem Städtchen Klingnau gelangt, wo er wieder aufgefischt und repariert wurde.

Dort soll er sich befinden; der Erzähler aber hat ihn nicht gesehen und kann daher auch nicht sagen, wie er sich befindet.

H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch