Die Aare laufen lassen
Bei einem hohen Steigen der Aare musste das Städtchen Brugg für die Sicherheit seiner schöngesprengten Aarbrücke fürchten. Man belastete sie mit Baumstämmen und Gebälke, legte nebenan in die Zollstube eine Bürgerwache, und einer um den andern der Mannschaft musste stündlich heraus, Runde machen und Schildwacht stehen. Doch als eines Abends das Wasser wieder im Sinken war, nahm man es mit dem Dienst nicht mehr genau, sondern blieb hübsch beisammen im warmen Quartier. Nur einen Schneidermeister liess es in seinem eigenen Hause nicht ruhen; um Mitternacht verlässt er sein Nest, marschiert forschend zur Zollstube an die Brücke hinab und schaut zum Fenster hinein.
Welcher Anblick! Das brennende Oellicht steht auf dem Tische, und ringsum neben den leeren Schnapsgläsern liegt die Mannschaft im tiefsten Schlafe. Der Schneider fühlt, was die Pflicht des Patrioten ist bei Calamitäten; er springt an des Stadtschultheissen Haus, sucht im Finstern den eisernen Thürklopfer und hämmert damit blindlings herum. Und da von oben her endlich die Stimme der Magd laut wird und diesem Mordslärm nachfragt, erfolgt die gewissenhafte Antwort: "Do schnarchtet sie d'unte voll g'soffe-n- im Zollerstübli und lönd d'Aare lo laufe!"
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch