Der Schneider befreit Rheinfelden
Die Schweden mochten Rheinfelden noch so lange und hart belagert halten, niemals ging in der Stadt die Munition aus und täglich schoss man aus allen Kanonen und Büchsen. Aber ein anderes fehlte zuletzt gänzlich, der Proviant, und schon war die Bürgerschaft daran, sich auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Allein wo die Noth am grössten ist, ist auch ein Schneider gewöhnlich am nächsten, und so wars denn diesmal wieder ein solcher, der für den ganzen Stadtrath Rath wusste. Das Fell von seinem abgestochenen und schon längst verdauten Ziegenbock hing noch immer zwecklos an der Ofenstange; in dieses nähte er sich jetzt hinein und humpelte damit meckernd und grasend droben auf dem Wall umher. Dem schwedischen Vorposten wässerte das Maul, als er das stattliche Thier erblickte, denn auch bei ihm im Lager gabs nichts mehr zu nagen und zu beissen. Also Grund genug für den Soldaten, von dem Gesehenen Meldung zu machen und den Oberst herbei zu rufen. Der Schneider sah sich beobachtet, sein Plan schien geglückt, jetzt wars Zeit sich wieder zu entfernen. Mit einem höchst gelungenen Meckern kroch er gegen den innern Wallrand und liess sich über den Stadtgraben wieder hinabkollern.
Die werden wir nicht aushungern, sprach der zuschauende Oberst, die haben Munition und Proviant; blaset zum Aufbruch! Wenn die noch nicht einmal ihren Geissbock geschlachtet haben, wie viele Kühe müssen dann erst in diesem Neste stecken! Die Schweden zogen ab. Zum ewigen Andenken nennt Rheinfelden eine seiner Stadtstrassen die Geissgasse und in ganz Europa ist der Schneiderzunft der Geissbock ins Wappen gesetzt.
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch