Der Wolf auf der Lenzerheide
Ein Mann zog abends die Strasse von Lenz über die Heide und führte an einem Seile eine Geiss mit sich. Als er bei der St. Cassians Kapelle angekommen war, befiel ihn ein Bedürfnis, welches ihn veranlasste, von der Strasse sich zu entfernen; er band derweilen die Geiss an die damals offen stehende Thüre der Kapelle an.
Wenige Augenblicke darauf kam ein Wolf aus dem Walde und auf die Geiss zugelaufen. Diese flüchtete in ihrem Schrecken in das Innere der Kapelle, sprang dann aber, als sie auch dorthin verfolgt sich sah, in hohem Satze über den Rücken ihres Widersachers wieder heraus, um ins Freie sich zu retten. Hier hielt nun zwar das Seil, an das sie gebunden war, die Flüchtige zurück, aber auch der Wolf konnte seine Verfolgung nicht weiter fortsetzen, weil durch das Anziehen des Seiles die nach innen aufgehende Thüre zugezogen und der Verfolger auf diese Weise eingeschlossen ward.
Der Bauer kam bald zurück. In der zugeschlagenen Thüre, in dem ängstlichen Trappeln seines Schmalviehes, mehr aber in dem Erscheinen eines unheimlich glänzenden Augenpaares durch das Gitter erkannte er bald, dass hier ein ernsthafter Angriff auf seine Begleiterin stattgefunden hatte; er sah sich den Gefangenen an, doch nicht lange.
Er säumte nicht, die Thüre zu verschliessen, liess die angebundene Geiss sein und eilte nach Lenz zurück, von wo er bald mit hinlänglicher Hilfe zurückkehrte, um des Gefangenen sich zu bemächtigen. Ueberall gab er nun die vermeinte List seines Thieres zum Besten, und verkaufte sie nicht mehr, wie er damals eben beabsichtigt hatte.
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch