Mutabor Märchenstiftung

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Das Kräutlein der Weisheit

Land: Schweiz
Kanton: Graubünden
Kategorie: Schwank

Nachdem sonst allen Gemeinden landauf und ab die Weisheit nicht mehr mangelte, waren es einzig noch die Sinser im Unter- Engadin, welchen dieselbe noch fehlte.

Um nun nicht allein ohne diese edle Gabe sein zu müssen und von ihren Nachbarn besonders wegen dieses grossen Mangels nicht immer gefoppt zu werden, beschlossen sie in der Gemeindsversammlung, den Gemeinderath selber, damit man sicher sei, nach Venedig zu schicken, um das Kräutlein der Weisheit zu kaufen, und nach Sins zu bringen. Um schwere Summe wurde dann in Venedig das Kräutlein erworben, und die löblichen Gemeinderathsmitglieder, seelenfroh darüber, dass nun auch sie und ihre Gemeindsgenossen die Weisheit hätten, gaben ihrer Eile, mit dem erkauften Kleinode heimzukehren, bedeutenden Nachdruck.

Schon überschritten sie mit ihrem Schatze die Landesgrenze, schon befanden sie beide sich auf heimatlichem Boden, schon wurden die lange Ersehnten von alt und jung freudig begrüsst und festlich empfangen, und schliesslich lud auf freiem Platze vor dem Dorfe die wohlbesetzte Tafel sie ein, nach so langer Reise der Mühe und Entbehrung gütlich sich zu thun. Ohne lange sich bitten zu lassen, setzten sich nun auch die Mitglieder des löblichen Gemeinderathes zum Imbiss, nachdem das Kräutlein der Weisheit sorgsam auf ein besonderes Tischlein nebenan gelegt worden.

Wie nun alles fröhlich und guter Dinge war, und der Weisheit Lob gepriesen ward, kam ein Esel daher und frass das Kräutlein der Weisheit.

H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882

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