Weiberlist
Der Barthli (Bartholomäus) Flütsch in St. Antönien wollte einmal am Morgen recht früh auf seine Bergwiese, um zu heuen, und beorderte seine Frau, um vier Uhr ihn zu wecken und bis dahin das Morgenessen für ihn bereit zu halten. Nun war guter Rath theuer, denn schon lange Zeit wollte die Uhr nicht mehr gehen und doch wollte er am Morgen früh fort. Aber die gute Frau, die zwar nicht Schuld war, dass die Frösche keine Schwänze haben, war listiger, als Barthli sie dafür hielt. "Geh nur, ich wecke dich sicher," sagte sie und schob ihn in das Schlafgemach. Uschi (Ursule), die besorgte Alte, drehte Dochte, rüstete Unschlitt zum Lichte, setzte sich auf die Ofenbank und trieb den Perpendikel der Uhr die ganze Nacht hindurch. Barthli wurde zur rechten Zeit geweckt, nahm es ihr aber arg übel, dass sie nicht auch das Morgenessen bereitet habe. "Wer hätti denn triibe sölla," antwortete denn Uschi ganz richtig.
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch