Merligen am Thunersee
Es gibt kaum ein Dorf, das mit solchem Unrechte in den Ruf der Thorheit kam, als Merligen am Thunersee; aber das geistig geweckte Völkchen trägt den Spott mit siegreicher Gut- müthigkeit. Als einst Fremde von Thun aus im Marktschiffe von Merligen gegen die Beatushöhle fuhren und sie die Schiffsleute scherzweise neckten, meinte ein Mädchen: "Eh, das Beste wisst Ihr doch nicht, das behalten wir für uns."
Ein ehrsamer Bürger von Merligen ging einst in den Wald, um Tannenäste, die für einen Gartenzaun hergerichtet und aufgeschichtet worden waren, heim zu tragen. Er lud einen Ast um den andern mit der philosophischen Betrachtung auf die Achsel: "Kann ich einen tragen, so kann ich diesen auch noch nehmen," und fuhr fort, die Aeste aufzuladen, bis er gegen hundert zu tragen hatte; aber gerade der hundertste fiel ihm zu schwer. Er lud ihn ab. "Ja, wenn ein Ast zu schwer, dann ist der auch zu schwer. Damit lud er den neun und neunzigsten ab und fuhr so fort, bis er den letzten bei Seite gelegt hatte. Jetzt ging er mit leeren Händen nach Hause.
Als zu Ende des vorigen Jahrhunderts die Franzosen ins Land kamen, die Freiheit und Gleichheit brachten und dafür den Staatsschatz der Stadt und Republik Bern in Empfang nahmen, mit dessen Hilfe der General Bonaparte seinen Feldzug nach Aegypten bewerkstelligte, konnte ein Theil des Schatzes ins Oberland geflüchtet werden. Den Merligern fiel etwas davon zur Aufbewahrung zu. Als die Franzosen auch ins Oberland vordrangen, ward es den guten Leuten bange für den Schatz, und um ihn recht sicher zu bergen, beschlossen sie ihn in den See zu versenken, da wo er am tiefsten ist. Damit sie jedoch die Stelle der Versenkung jederzeit wieder fänden, malten sie an das Schiff, auf dem sie hinausgefahren waren, einen dicken Strich. Unglücklicher Weise blieb der Strich nicht auf dem Wasser kleben, sondern fuhr mit dem Schiff nach Merligen zurück, und nun sind die guten Leute untröstlich, dass sie den Schatz bis auf den heutigen Tag nicht wieder gefunden haben.
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch