Frau Holle schüttelt die Betten aus
Im Waldecker Land erhebt sich eine Wegstunde südlich von Korbach, über den Abraumhügeln alter Bergwerke, jene Felsenkuppe, welche im Volksmund «Auf der Frau Holle» geheissen ist. Dort sieht man unter den Klippen noch die Grundsteine von ihrem Haus, wo sie vor Zeiten gewohnt haben soll.
Wenige Meilen südlich davon, über dem winzigen Städtchen Sachsenberg, ragt der Knöchelberg zu den blauen Kuppen des Uplandes auf. Eine alte Landstrasse zerschneidet ihn in den höheren Jungenknöchel und den geringeren Mädchenknöchel. Nun hatte aber Frau Holle ihr Taubenhaus auf dem höchsten Bühl jenes Berges. Das hatte Luken nach allen Launen des Windes. Dort züchtete sie die allerliebsten Täubchen zu ihrer Lust.
Wenn der Herbstwind die Blätter von den Bäumen riss und die Täubchen in die Mauser kamen, dann sammelte Frau Holle die abgeplusterten Federn und stopfte die lichten Daunen in ihre Bett- und Ruhekissen. Die alten Federn vom Vorjahr schüttete sie zuvor über die ganze Landschaft aus. Die wirbelten dann lustig dahin, verfingen sich an den Berglehnen, schichteten sich locker und weich über die Wälder, breiteten sich auf die Felder und bedeckten schliesslich das ganze Land mit einer weissen Decke.
Dann klatschten die Kinder im Menschenland in die Hände und riefen: «Ei, Schnee, Frau Holle schüttelt die Betten aus, nun soll wohl bald Weihnachten sein?»
Aus: D. Jaenike, Wintermärchen aus aller Welt, Trachselwald 2018