Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Rätselhafte Antworten

Land: Schweiz
Kanton: Tessin
Kategorie: Schwank

In einem kleinen Häuschen im Tessin lebte eine bitterarme Familie von Taglöhnern. Sie waren so arm, dass sie am Sankt-Martins-Tag oft das Geld nicht hatten, um die jährliche Miete zu bezahlen. So auch dieses Jahr.
Tarock, der als etwas einfältig geltende Sohn der Familie, hatte sich auf der Ofenbank ausgestreckt, als es an der Haustür klopfte und der Hausbesitzer hereinkam.
«So, so, Tarock, was machst du denn da?», fragte er den Jüngling.
«Ooch, ich liege hier und schaue zu, wer heraufsteigt und wer untergeht.»
«Und wo ist denn dein Vater?»
«Er ist unterwegs, um ein Loch zu machen, um ein anderes damit zu stopfen.»
«Und deine Mutter?»
«Meine Mutter bäckt das Brot der letzten Woche.»
«Und wo ist denn dein Bruder?»
«Mein Bruder ist auf der Jagd. Diejenigen Tiere, die er tötet, lässt er liegen, und diejenigen, die er nicht tötet, die bringt er mit nach Hause.»
«Und deine Schwester?»
«Meine Schwester weint über die schönen Stunden und das Glück des letzten Jahrs.»
Der Hausbesitzer schüttelte den Kopf über diese rätselhaften Antworten. Er verstand nicht, was sie zu bedeuten hatten. Den ganzen Tag dachte er darüber nach. Am nächsten Morgen ging er wieder zu Tarock und sagte: «Hör mal, wenn du mir alles erklären kannst, was du mir gestern gesagt hast, dann schenke ich euch den Hauszins. Du sagtest, du hättest zugeschaut, wer heraufsteige und wer untergehe.»
«Ja, sicher», antwortete Tarock. «Ich schaute den Bohnen zu, wie sie im kochenden Wasser aufstiegen und wieder hinuntersanken.»
«Und dein Vater sei unterwegs, um mit einem neuen Loch ein anderes zu stopfen.»
 «Ja, er ging ins Dorf, um Geld zu leihen, damit er Euch die Miete zahlen kann.»
«Aber was bedeutet, dass deine Mutter das Brot der letzten Woche bäckt?»
«Sie lieh sich letzte Woche Brot bei den Nachbarn und bäckt jetzt neues, um es zurückzugeben.»
«Und wie ist es möglich, dass dein Bruder auf der Jagd diejenigen Tiere liegen lässt, die er tötet, und die nach Hause bringt, die er nicht tötet?»
«Sicher ist das möglich. Die Flöhe stachen ihn überall. Also zog er sein Hemd aus und machte Jagd auf sie. Diejenigen, die er tötete, liess er liegen, und die lebenden brachte er wieder nach Hause.»
«Aber zu guter Letzt, sag mir, Tarock, was ist mit deiner Schwester, dass sie die schönen Stunden und das Glück des letzten Jahres beweint?»
«Letztes Jahr war sie verlobt, und ihr Verlobter brachte ihr immer wieder Geschenke. Aber jetzt hat sie leider all ihr Glück verloren.»
«Das hast du mir wirklich sehr gut erklärt, Tarock. Nun will ich mein Versprechen halten und euch die Miete für dieses Jahr erlassen. Geh, sag das deinem Vater.»
So ging der Hausbesitzer wieder fort, und Tarock freute sich, dass er seinen Eltern helfen konnte.

Fassung M. Kamber, nach: W. Keller, Am Kaminfeuer der Tessiner. Sagen und Volksmärchen, Bern 1942. Beitrag in Märchenforum Nr. 111.