Mutabor Märchenstiftung

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Der Freiherr von Brandis

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Region: Emmental, Lützelflüh
Kategorie: Sage

Vor langer Zeit herrschte ein Freiherr von Brandis auf der Burg oberhalb von Lützelflüh. Viele Leute mussten für ihn Frondienst leisten. Wer sich widersetzte, wurde bei Brot und Wasser im dunklen Burgverlies eingesperrt.

Auch der Müller von Lützelflüh musste Frondienst leisten und der Burgherr rief ihn ständig für dies und jenes zu sich auf die Burg.

Als im Frühling der Schnee auf dem Hohgant schmolz und die Emme immer mehr Wasser führte, machte sich der Müller grosse Sorgen. Aufgrund der vielen Fronarbeit hatte er keine Zeit gefunden, die Schutzschwellen in der Emme zu flicken, denn er fürchtete das Hochwasser, das seine Mühle immer wieder bedrohte. Am nächsten Tag nahm er allen Mut zusammen und wollte den Burgherrn um einen freien Tag bitten. Doch dieser wollte gerade zur Jagd reiten.

«Herr!», rief der Müller, «bitte gebt mir heute frei. Es droht Hochwasser, und ich muss die Schutzschwellen in der Emme verstärken.»

Der Burgherr lachte nur und rief: «Du kommst mir gerade recht! Ich brauche noch Treiber für die Jagd!»

Wohl oder übel musste der Müller mitgehen.

Die Jagdgesellschaft war den ganzen Tag unterwegs. Ala sie auf dem Heimweg auf einer Lichtung rasteten, sprang plötzlich ein Bär aus dem Unterholz. Mutig trat der Müller ihm in den Weg und rettete so dem Burgherrn das Leben. Nachdem die Jäger den Bären erlegt hatten, musste der Müller ihn zusammen mit den anderen Helfern bis zur Burg hochschleppen.

Als es langsam dunkel wurde, fand er endlich Zeit, einen Blick hinunter ins Tal zu werfen. Da sah er, wie die Wassermassen der Emme auf die Mühle zurasten und mit grosser Wucht Haus und Mühlerad mit sich rissen.

Da rannte er so schnell er konnte hinunter ins Tal. Weinend kam ihm seine Frau entgegen, und rief: «Das Jüngste haben wir im Wasser verloren!»

Inzwischen hatte der Burgherr, bemerkt, dass der Müller ohne Erlaubnis davongegangen war. Er sprang auf sein Pferd, um ihn zurückzuholen. Als er die weinende Familie erreicht hatte, schrie er dem Müller entgegen: «Was fällt dir ein, davonzulaufen, wenn du bei mir Dienst tust!»

Da sprach der Müller: «Du trägst Schuld an all unserem Unglück. Du bist kein Mensch, sondern ein Teufel!»

Der Burgherr erbleichte. Er griff voller Zorn nach einer Axt, warf sie dem Müller an den Kopf, dass dieser zu Boden fiel und von den Fluten der Emme mitgerissen wurde.

Da trat die Müllerin auf den Burgherrn zu und sprach: «Das wirst du bis in alle Ewigkeit bereuen. Du wirst selbst im Grab keine Ruhe finden und auf ewig Schwellen pfählen!»

Dann stürzte sie sich mitsamt den Kindern ans Wasser.

Der Burgherr ritt nach Hause. Doch das Unrecht zehrte an ihm. Nachts hörte er den Fluch der armen Frau in seinen Träumen. Noch bevor ein Jahr um war, läuteten die Totenglocken.

Die Burg Brandis ist heute nur noch eine Ruine. Wenn die Emme jedoch Hochwasser führt, ist nachts ein Klopfen zu hören. Dann sagen die Leute: «Das ist der Geist des Burgherrn, der die Pfähle für die Schutzschwellen einschlägt.» Sobald der erste Hahn kräht, ist der Spuk verschwunden. Die Mühle aber wurde wieder aufgebaut und ihr Rad dreht sich bis heute.

 

Fassung Djamila Jaenike, nach: H. Wahlen, Emmentaler Sagen, Hermann Wahlen, Bern 1962, © Mutabor Verlag