Der Landvogt Tribolet
So mancher Landvogt regierte auf Schloss Trachselwald. Von einem von ihnen, dem Landvogt Tribolet, erzählt man sich, dass er ein besonders rücksichtsloser Mann war. Er bereicherte sich, wo er nur konnte, verlangte hohe Abgaben und zwang die Bauern immer wieder zu Frondiensten.
Einmal im Herbst wollte er zur Jagd reiten und alle Männer rund ums Schloss mussten ihn begleiten. Auch der Bauer vom Klösterli, einem kleinen Hof unterhalb des Schlosses, wurde gerufen.
Der arme Bauer aber sagte: «Wie soll ich meine Ernte einbringen und die Abgaben zahlen, wenn mich der Vogt immer zu sich ruft?», und er blieb auf seinem Hof.
Als der Vogt davon hörte, rief er: «Er verweigert seinen Dienst? Das soll er büssen!»
Wütend ritt er mit der ganzen Jagdgesellschaft den steilen Schlossweg hinunter bis zum Klösterli. Der arme Mann versuchte, sich vor dem Vogt zu verstecken. Doch dieser fand ihn und erschlug ihn auf der Stelle.
Das aber war eine Ungerechtigkeit zu viel. Kurz darauf schlossen sich die Bauern zusammen und erhoben sich gegen ihre Unterdrücker. Auch die Machenschaften des Landvogts kamen ans Licht, und er musste das Schloss verlassen.
Als er Jahre später starb, fand er keine Ruhe im Grab. Immer wenn sich der Todestag des Bauern jährt, hört man ein Pochen an den Fenstern im Klösterli. Danach polterten Schritte die Treppe hinauf, Fenster und Türen öffnen sich und unten heulen die Hunde, die auf ihren Herrn warten.
Sobald der nahe Kirchturm Mitternacht schlägt, reitet der Geist des Landvogts mit seinem Gefolge davon.
Auch in kalten Vollmondnächten kann man ihn sehen. In einen schneeweissen Mantel gehüllt, galoppiert er auf seinem schwarzen Pferd durch die dunkle Hohle von Grünenmatt nach Trachselwald.
Erst wenn er keinen Bauern mehr findet, der unter Unrecht und hohen Abgaben leidet, ist er erlöst und der Spuk hat ein Ende.
Fassung Djamila Jaenike, nach verschiedenen Versionen der Sage, unter anderem H. Wahlen, Emmentaler Sagen, Bern 1962 © Mutabor Verlag