Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Acoitapia und Chuquillanto

Land: Peru
Region: Cusco, Quechua

Weit oben in den Bergen über dem Urubamba-Tal bei Yucay hütete ein junger Mann namens Acoitapia eine Herde schneeweißer Lamas. Wenn er auf den sonnenbeschienenen Bergweiden saß, nahm er seine Flöte hervor und spielte wunderschöne Lieder.

Die zarten Flötenklänge stiegen bis zur Sonne hinauf, wo die Sonnentöchter sie hörten. Unter ihnen war auch Chuquillanto, die Schönste der Töchter der Sonne. Sie wagte sich mit den Sonnenstrahlen immer näher an die Bergwiesen heran und lauschte der Musik von Acoitapia.

Der junge Mann bemerkte die hübsche Sonnenfrau und nicht lange danach verliebten sich die beiden ineinander. Wie gerne wären sie einander nähergekommen! Doch Chuquillanto wurde im Sonnenpalast streng bewacht. Jeden Tag, wenn die Sonne hinter den Gipfeln der Berge unterging, musste sie in den Palast zurückkehren. Kein Sterblicher konnte den Palast der Sonne erreichen.

Acoitapia wurde sehr traurig. Er schlief nicht mehr, wollte nichts mehr essen und wurde immer schwächer. Seine Mutter erkannte bald, woran er litt. Sie wickelte ihn in einen schneeweißen Mantel und legte einen Zauber über ihn.

Am nächsten Tag machte sich Chuquillanto auf die Suche nach ihrem Liebsten. Ihre warmen Sonnenstrahlen erreichten auch die Hütte, und sie schaute neugierig hinein.

Sie entdeckte den wunderschönen Mantel und fragte die alte Frau: „Woher hast du diesen Mantel?”

„Er stammt von meinen Vorfahren aus aller Zeit. Ich schenke ihn dir.“

Glücklich hüllte sich Chuquillanto in den schneeweißen Mantel, ohne zu wissen, dass Acoitapia dank des Zaubers im Mantel verborgen war. Als die Sonnentochter abends in den Himmelspalast zurückkehrte, bemerkte niemand etwas. In der Nacht jedoch, im Licht der Sterne, schlüpfte Acoitapia aus dem Mantel und die beiden waren endlich vereint. Im Himmel konnten sie jedoch nicht zusammenbleiben, also beschlossen sie zu fliehen.

Am nächsten Morgen verschwand Acoitapia dank des Zaubers seiner Mutter wieder in ihrem Mantel. Chuquillanto wickelte sich in den schneeweißen Mantel und verließ den Sonnenpalast bei der ersten Dämmerung. Als sie auf der Spitze eines Berges ankam, schlüpfte sie aus dem Mantel, und Acoitapia kam hervor.

Doch einer der Wächter erspähte die beiden und schlug Alarm. Die beiden Liebenden flohen den ganzen Tag vor den Sonnenwächtern. Sie rannten, bis sie abends die Berge von Calca erreichten. Dort brachen sie vor Erschöpfung zusammen, legten sich zu Boden und schliefen ein. Doch schon bald wurden sie vom Lärm ihrer Verfolger geweckt. Sie wollten schon fliehen, da wurden sie in Stein verwandelt. Die Sonnentochter sitzt auf dem Berg Sawasiray und ihr Liebster auf dem Berg namens Pitusiray. Man sagt, dass man die beiden bis heute sehen. Sie erinnern uns an die grosse Kraft der Liebe.

Fassung Djamila Jaenike, nach verschiedenen Quellen, z.B. Martín de Murúa, Historia del origen y genealogía real de los reyes ingas del Pirú, 1590. © Mutabor Verlag

Peru liegt im Westen Südamerikas am Pazifik und umfasst die Küstenregion, das Hochland der Anden und das Amazonasgebiet. Neben Spanisch werden Quechua, Aymara und zahlreiche weitere indigene Sprachen gesprochen. Grosse soziale Unterschiede, Armut, politische Instabilität und zunehmende Kriminalität belasten das Land. Peru hat viele Menschen aus Venezuela aufgenommen; gleichzeitig verlassen zunehmend auch Peruanerinnen und Peruaner ihre Heimat auf der Suche nach Sicherheit und besseren Lebensbedingungen.