Mutabor Märchenstiftung

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Die göttlichen Sandalen

Land: Peru
Region: Cusco, Quechua
Kategorie: Zaubermärchen

Vor langer Zeit herrschte Huiracocha über das große Reich Tahuantinsuyo. Weil sein Land so groß war, hatte er Boten, die Chasquis. Sie trugen die Quipus, das sind geknüpfte Schnüre mit wichtigen Botschaften, durch das ganze Land. Einer der schnellsten Boten hieß Hualachi. Er hatte dem Herrscher einmal das Leben gerettet, weshalb Huiracocha ihm die wichtigsten Botschaften mit auf den Weg gab.

Doch Hualachi war nicht nur schnell, sondern hatte auch ein gutes Herz. Auf seinen langen Wegen über Berge und durch Täler bot er jedem, der in Not war, seine Hilfe an. So dauerte es oft sehr lange, bis er von einem Auftrag zurückkehrte. Der mächtige Huiracocha schüttelte darüber den Kopf, aber er verzieh ihm jedes Mal.

Einmal drangen Feinde an die Grenzen des Tahuantinsuyo-Reiches vor. Der Herrscher rief Hualachi zu sich und sagte: „Diese wichtige Botschaft muss noch vor Sonnenuntergang bei den Grenzwächtern sein. Dieses Mal darfst du dich nicht verspäten. Halte nicht an und kehre so schnell wie möglich zurück.“

Hualachi verneigte sich vor dem Herrscher und lief los. Ohne anzuhalten, rannte er über die hohen Pässe und entlang schmaler Bergpfade, während über ihm die Kondore kreisten.

Als er gerade eine Schlucht überqueren musste, hörte er plötzlich einen schwachen Hilferuf. Hualachi spähte in die Schlucht und sah eine alte Frau, die verletzt zwischen den Steinen lag. Er schaute auf seinen Quipu und erinnerte sich an die Worte des Herrschers. Doch ohne seine Hilfe würde die alte Frau sterben. Also stieg er in die Schlucht hinunter, rettete die Frau und trug sie bis in ihre Hütte. Er verband ihre Wunden, schiente ihr Bein, kochte ihr eine warme Mahlzeit und pflegte sie, bis sie wieder bei Kräften war. Als er schließlich Abschied nahm, fiel ihm sein Auftrag ein. Erschrocken erkannte er, dass viele Tage vergangen waren, ohne dass er die Botschaft zu den Grenzwächtern gebracht hatte.

So schnell er konnte, rannte er los. Unterwegs begegnete ihm ein anderer Bote. Der rief: „Hualachi, wo warst du?”

Hualachi erzählte ihm von der alten Frau und fragte: „Was ist nun mit meiner Botschaft?”

„Der Herrscher hat mich geschickt, weil wir nichts von dir gehört haben”, sagte der andere Bote. „Sei beruhigt, ich konnte die Botschaft rechtzeitig überbringen und die Feinde wurden besiegt. Doch du solltest fliehen, sonst droht dir der Tod.“

Hualachi erschrak und sprach: „Wie soll ich fliehen? Ich habe meine Aufgabe schlecht gemacht und muss meine Strafe ertragen, sei sie noch so schwer.“

Als der Herrscher ihn empfing, sagte er: „Weil du einmal mein Leben gerettet hast, will ich dein Leben verschonen. Aber du darfst keinen Tag länger an meinem Hof bleiben. Geh fort und kehr niemals wieder.“

Traurig ging Hualachi davon. Sein Herz war schwer. Als er zu einem Tempel kam, trat er ein, kniete nieder und schloss die Augen.

Plötzlich hörte er eine Stimme, die sagte: „Du hast ein gutes Herz. Deshalb möchte ich dir etwas schenken. Nimm diese Ushutas. Sie werden dich noch schneller machen, damit du auf deinem Weg den Armen trotzdem helfen kannst.“

Hualachi öffnete die Augen. Da lagen vor ihm auf dem Boden zwei Ushutas, traditionelle Sandalen. Ehrerbietig verbeugte sich Hualachi, schlüpfte in die Sandalen und verließ den Tempel.

Sehnsüchtig dachte er an den Herrscherpalast, in dem er so viele Jahre gedient hatte. In diesem Augenblick kam es ihm so vor, als käme ein starker Wind auf, und schon stand er vor dem Herrscher.

„Was willst du hier?“, rief der Herrscher. „Habe ich dir nicht gesagt, dass du niemals zurückkehren darfst?“

Da verbeugte sich Hualachi tief und sagte: „Bitte lasst es mich noch ein letztes Mal versuchen.”

Er bat so lange, bis der Herrscher schließlich sprach. „Gut, ich will dich noch ein letztes Mal prüfen.“ Er rief die anderen Boten herein, gab jedem ein Quipu und sagte: „Bringt dies bis an die Grenze meines Reiches. Wer zuerst mit einer Botschaft zurückkehrt, soll reich belohnt werden.“

Sogleich rannten die Boten los. Hualachi hingegen wünschte sich direkt an sein Ziel, übergab die Botschaft und machte sich anschließend gemütlich auf den Rückweg. Unterwegs begegnete er den Boten. „Kehrst du schon zurück?”, fragten sie. „Wie kann das sein?”, aber Hualachi lächelte nur und ließ sie weiterziehen. Dann wünschte er sich in den Palast zurück. Dank seiner himmlischen Sandalen stand er schon bald vor seinem Herrscher.

Dieser freute sich sehr und machte Hualachi wieder zu seinem wichtigsten Boten.

Dank der Sandalen konnte Hualachi auf seinem weiteren Weg vielen Menschen helfen und kam nie wieder zu spät. All das ist schon lange her, aber bis heute erzählen sich die Menschen die Geschichte von den göttlichen Sandalen.

Fassung Djamila Jaenike, nach: Gerda Theile-Bruhns, Märchen aus dem südlichen Amerika, Basel/Stuttgart 1957 © Mutabor Verlag

Peru liegt im Westen Südamerikas am Pazifik und umfasst die Küstenregion, das Hochland der Anden und das Amazonasgebiet. Neben Spanisch werden Quechua, Aymara und zahlreiche weitere indigene Sprachen gesprochen. Grosse soziale Unterschiede, Armut, politische Instabilität und zunehmende Kriminalität belasten das Land. Peru hat viele Menschen aus Venezuela aufgenommen; gleichzeitig verlassen zunehmend auch Peruanerinnen und Peruaner ihre Heimat auf der Suche nach Sicherheit und besseren Lebensbedingungen.