Die Zwerge von Catto
Die alten Leute von Catto oberhalb Quinto erzählen, daß die Höhlen des Felsens von Catto vor Zeiten von Zwergen bewohnt waren.
Eine Hausfrau hatte ihren Lein zum Wässern in den Brunnentrog gelegt. Am Abend fand sie keine Zeit mehr, ihn herauszunehmen. Als sie am nächsten Morgen früh zum Dorfbrunnen ging, stellte sie erstaunt fest, dass die Leinstängel bereits auf der Wiese zum Trocknen ausgebreitet waren.
Ähnlich erging es einem Bauern. Er hatte eine große Menge Holz aus dem Wald herunter auf eine Wiese bei Burnet gebracht und machte sich Sorgen, wie oft er hinauf- und wieder ins Dorf hinuntergehen müsste, um alles nach Hause zu schaffen. Am nächsten Morgen lag das gesamte Holz ordentlich unter dem Bogengang seines Hauses aufgeschichtet.
Es waren die Zwerge, die nachts diese Arbeiten für die Bewohner von Catto erledigten.
Wenn eine Familie Brot backte, kamen die Zwerge und baten dafür lediglich um ein frisches, knuspriges Brotlaibchen.
Einer der Bewohner gönnte den freundlichen Helfern selbst diese kleine Belohnung nicht. Er nahm die große Steinplatte, auf die sich die Zwerge gewöhnlich setzten, erhitzte sie im Backofen und legte sie wieder an ihren Platz.
Als die Zwerge kamen, sich auf die Platte setzten und um warmes Brot baten, verbrannte sich einer von ihnen schwer an Kleidern und Haut. Darauf gingen alle fort, verwünschten die undankbaren Bewohner von Catto und kehrten nie wieder zurück, um ihnen zu helfen.
Keller fügt unmittelbar anschließend hinzu:
Walter Keller: Am Kaminfeuer der Tessiner. Sagen und Volksmärchen. Zürich: M. S. Metz, 1940, S. 96–97