Die Katze auf der Freudenau
Nah bei Stilli, auf der anderen Seite der Aare, stehen die Überreste der einstigen Burg Freudenau. Schon seit vielen Jahrhunderten ist sie zerfallen, und kaum traut sich nachts in die unheimliche Ruine.
Einmal hatten sich abends einige junge Leute zum Plaudern zusammengefunden. Sie lachten, waren übermütig und schliesslich rief einer: «Wer sich traut auf dem Heimweg allein in die Burgruine zu gehen und dort einen Spruch aufzusagen, bekommt von den anderen ein Geschenk!»
Alle waren einverstanden, doch niemand wollte allein in die Ruine gehen. Schliesslich sagte eine der jungen Frauen: «Ich werde gehen. Wenn ich es schaffe, müsst ihr mir einen neuen Rock kaufen!»
Die anderen versprachen es und so machten sich alle auf den Heimweg. Es war schon spät, als die junge Frau an der Ruine vorbeikam. Der Mond schien und die eingestürzten Mauern warfen unheimliche Schatten. Sie stieg in den Rest des Turms, schaute in den dunklen Nachthimmel und wollte soeben einen Schutzspruch aufsagen, als auf einmal oben auf der Mauer eine schwarze Katze erschien.
Die junge Frau erschrak so sehr, dass sie ihren Spruch vergass und stattdessen sagte:
"E Rock berchumi wol,
zu mim glismete Chamisol…"
Da unterbrach sie die Katze und sprach:
"Ob Chatz oder Chol,
dir wird’s din Lebtag nümme wol."
Nach diesen Worten floh die junge Frau aus der Ruine und legte sich zu Hause fiebernd ins Bett. Die Worte der Katze aber erfüllten sich, denn sie wurde schwächer und schwächer und starb bald darauf.
Fassung Djamila Jaenike, nach: E. L. Rochholz, Schweizer Sagen aus dem Aargau, Band 2, Aarau 1856. Kamisol: gestricktes Jäckchen © Mutabor Verlag