Der letzte Bewohner von Leiggern
Ein fast allgemeiner Volksglaube nimmt an, dass die Ebene von Wallis einstens ein See gewesen, der bei St. Moritz später seinen Abfluss gefunden. An manchen Felsen will man in einer gewissen Höhe eiserne Ringe zum Anbinden der Schiffe gesehen haben, und das Klima war damals so milde, dass hoch über der jetzigen Holzregion Weinberge prangten, was man aus einzelnen zur Zeit unserer Grossväter noch aufgefundenen Überresten und aus alten Schenkungs- und Verkaufsurkunden noch nachzuweisen glaubt. Damals wohnte natürlich die Bevölkerung an den Ufern des Sees hoch oben in den Bergen, wo jetzt nur mehr im Sommer der Älpler hinzieht. So war auch die gegenwärtige Gemeinde Ausserberg in der Alpe Leiggern (1579 m). Allmählich aber wurde das Klima da oben rauher und eine Haushaltung nach der andern zog fort, um sich über eine Stunde tiefer am Ausserberg anzubauen. Zuletzt blieb nur mehr ein alter Mann mit seinem Söhnchen, deren Haus westlich von den jetzigen Alphütten oberhalb der Kapelle bei einer kleinen Quelle stand. Eines Morgens wollte der Knabe beim Brunnen Wasser holen, fand aber den Trog zugefroren. Diese Erscheinung war ihm bei dem milden Klima bis dahin unbekannt. Verwundert lief er daher zum Vater hinauf und sagte ihm, er könne kein Wasser bekommen, es liege ein Glas darüber. Der Alte aber verstand diesen Wink der Natur und sagte: «Nun ist’s Zeit, jetzt wollen wir auch hinunter zu den andern.» Und damit zog der letzte Bewohner von Leiggern weg.
Frühere schriftliche Quelle: Walliser Monatsschrift, 1862, Nr. 1, S. 8, und Ruppen, 1872, Nr. 3, S. 109.
Aus: Josef Guntern, Volkserzählungen aus dem Oberwallis. Sagen, Legenden, Märchen, Anekdoten aus dem deutschsprechenden Wallis. Basel 1978. © Mit freundlicher Genehmigung der Erbengemeinschaft. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung. www.maerchenstiftung.ch