Seit wann auf dem Theodul ewiger Schnee liegt
Die Geschichte erzählt uns, dass um das Jahr 100 vor Christus von den Römern eine Strasse über den Theodul (3290 m) gebaut wurde. Dieser Pass wurde damals nach dem römischen Kaiser Augustus, Augstpass genannt. Ferner erzählt die Geschichte, dass der römische Feldherr Marius mit seinen Legionen den Theodulpass überschritt, um in Aix- en-Provence die Cimbern und Teutonen zu schlagen.
Nirgends, als auf den höchsten Bergspitzen war damals ewiger Schnee. Am Fusse des Mons Silvius oder des Hirschberges, heute Matterhorn genannt, weideten Rinder und Schafe. An den Hängen des Furgghorns (3466 m), beim Riffelhorn (2927 m) im Gorner- triftje, auf der Gandegg waren die saftigsten Alpweiden. Im Gornerle gab es grosse Wälder und Gebüsche. Beim Tiefmattjoch, zu hinterst im Muttale, sollen die Alpweiden vom Augsttale und die des Zermattertales ineinander gegangen sein. Auf der Gandegg fanden grosse Märkte statt, an welchen 200 bis 300 Stück Rinder aufgetrieben wurden und auf dem die Zermatter ihre Töpferwaren handelten. Auf dem Theodul sollen mehrere Familien gewohnt haben. Es waren etliche Wohnhäuser dort oben. In einem derselben wohnte ein Vater mit zwei erwachsenen Söhnen, die als Träger, Führer und Säumer sich verdingten und nebenbei einen regen Handel mit Vieh und Geschirr trieben. Der Vater war alt und blind.
Es war einmal im Spätherbst. Man hatte einen guten Sommer gehabt und saftiges Heu in der Scheune. Dazu hatte man noch gut verdient. Der Chambawer, der rote Wein im Aostatal, war besonders gut ausgefallen. Der Fendant-Wein war noch nicht geboren, er kam später ins Land. Daher war auch der Saumverkehr mit Wein nach Helvetien besonders rege, und die Familie hatte ein nettes Geld auf der Seite und sah mit Vertrauen einem nicht zu strengen Winter, wie er sich damals zeigte, entgegen.
Seit einigen Tagen lag tiefer Nebel über dem Tal und den Bergen. Der Alte sass mit den Jungen hinter dem Ofen, der schon geheizt war. Und langsam fing es an zu schneien. Flocken fielen und bedeckten allmählich die Erde. Am Morgen war alles mit Schnee bedeckt. Der Vater, der hörte, wie es stürmte und schneite, fragte anderntags die Söhne: «Hat es Schnee?» - «Ja», sagten diese. «Ist der Schnee weiss oder grau?» - «Schneeweiss», erwiderten sie. «Dann», sagte der Vater in tiefem Ernst, «wenn der Schnee weiss ist, lasst uns von hier hinab ins Tal ziehen, denn weisser Schnee ist ewiger Schnee und Wird nie mehr von hier Weggehen».
Mit Widerstreben packten sie ihre Sachen, räumten das Haus und gingen nach Zermatt hinunter. Und der Alte hatte recht. Seither wurde es da droben nie wieder Frühling, nie mehr Sommer und nie mehr Herbst. Ewiger Schnee bedeckt seither all unsere Alpenpässe, und die Gletscher wuchsen und kamen bis auf 2000 Meter herunter. Sie gingen allerdings wieder zurück. Aber auf dem Theodul liegt bis zum heutigen Tag ewiger Schnee.
Quellenangabe: Lehner, Sagen, 1963, S. 111.
Aus: Josef Guntern, Volkserzählungen aus dem Oberwallis. Sagen, Legenden, Märchen, Anekdoten aus dem deutschsprechenden Wallis. Basel 1978. © Mit freundlicher Genehmigung der Erbengemeinschaft. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung. www.maerchenstiftung.ch