Die Vergletscherung der Alpen
An der südlichsten Grenzscheide deutschen Landes ragt das Matterhorn empor, der westliche Nachbar des Berges Rosa. Da, wo jetzt die Vispe einem Gletscher entfliesst, soll nach der Aussage der Einwohner vor Zeiten eine ansehnliche Stadt gelegen haben. Durch diese kam einmal «der laufende Jud», wie sie sagen, und sprach: «Wenn ich zum zweiten Male hier durchwandere, werden da, wo jetzt Häuser und Gassen sind, Bäume wachsen und Steine liegen. Und wenn mich zum dritten Male der Weg daher führt, wird nichts da sein als Schnee und Eis.» Er muss wirklich schon dreimal das Matterjoch (3317 m) überschritten haben, denn er hat sich verewigt durch Schnee und Eis. Er scheint darauf auch die entgegengesetzte Höhe des Wallisertales überschritten zu haben, denn es geht dort die Sage, der ewige Jude sei dreimal über die Grimsel (2118 m) gewandert, und er habe sie zuerst als Weinberg, dann als Tannenwald und endlich als Schneeberg angetroffen. Für einen Schneeberg gilt die Grimsel gewiss, und durch Holzmangel, Felsenstürze, durch Vorrücken der Gletscher wird sie es mehr und mehr.
Quellenangabe: Vernaleken, 1858, Nr. 1, S. 8.
Aus: Josef Guntern, Volkserzählungen aus dem Oberwallis. Sagen, Legenden, Märchen, Anekdoten aus dem deutschsprechenden Wallis. Basel 1978. © Mit freundlicher Genehmigung der Erbengemeinschaft. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung. www.maerchenstiftung.ch