Im Gerental
Vom Gerental erzählte mir mein Vater noch selbst, dass es dort die Dörfer Obergeren (1732 m) und Untergeren (1535 m) gegeben habe.
Vor einigen hundert Jahren waltete dort eine eigene politische Gemeinde mit eigener Gerichtsbarkeit, eigener Gerichtsbehörde und eigenem Galgen. Noch heute sieht man das Gemäuer, wo das Gemeindehaus stand, und den Platz des Galgens.
Die Richter in Geren durften ihre Verbrecher sogar zum Galgen verurteilen. Sie besassen aber nur Gewalt, solange die Missetäter in ihrem Territorium standen. Die Grenze zwischen Geren und Oberwald war die «Engg Flüoh» vor Unterwasser. Gelang es, diese Stelle zu überschreiten, hatten die Richter das Nachsehen.
Die Bevölkerung in Geren war so zahlreich, dass am Sonntag zwölf «Tiechlimeidje» oder «Chränzlimeidje» bis nach Münster zur Messe kamen.
Dann hiess es auch, im Gerental sei es sehr fruchtbar gewesen. Der ewige Jude, der dieses Jahr wieder hätte vorbeikommen sollen (als die Leute so grosse Angst hatten = Sommer 1960), war früher schon in Geren zu Gast und bestätigte, den besten Apfel habe er bis jetzt in Geren gegessen.
Auch wunderbar viel und schönes Getreide wuchs in Geren. Einst kam ein Mann aus dem untern Tal und wollte hier Getreide kaufen. In Oberwald gab man ihm Bescheid, sie wüssten nicht, wer hier vorrätiges Getreide hätte, aber er solle in Geren bei diesem und jenem Mann anfragen, der besitze genügend.
So tat er und besuchte das bezeichnete Haus. Daneben stand ein Stadel. Den suchte er zuerst auf. Da bückte sich gerade ein altes Männchen auf dem Tenn und las einzelne Körner auf. Der Käufer dachte sogleich: «Oha, da komme ich wohl schlecht an, wenn der die Körnlein so aufsucht, wird er kaum Korn zu verkaufen haben!» Aber er täuschte sich gründlich: Kästen und Kästen voll Korn hätte er kaufen können, wenn er mehr Geld gehabt hätte. Mein Vater erzählte mir, dass er als Knabe noch Mist von Oberwald nach Geren in einen Gerstenacker habe tragen müssen (ungefähr eine Stunde weit!).
Erzählt von: Alexander Hischier, 71, Oberwald.
Aus: Josef Guntern, Volkserzählungen aus dem Oberwallis. Sagen, Legenden, Märchen, Anekdoten aus dem deutschsprechenden Wallis. Basel 1978. © Mit freundlicher Genehmigung der Erbengemeinschaft. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung. www.maerchenstiftung.ch