Das isländische Moos
Das Isländische Moos, das auf den hohen Alpen wächst, hat Röhrchen und Blätter, welche ganz verdorrt aussehen. Die Sage erzählt, diese Röhrchen und Blätter seien ehemals voll Milch gewesen. Solange die Kühe davon zu fressen bekamen, mussten die Sennen dreimal im Tage melken. Als nun einst die Alpleute einen lustigen Tanz hatten, verwünschte einer aus ihnen, der sehr ungern die fröhliche Gesellschaft verliess, dieses Kraut, weil er am hellen Mittag zum Melken heimgehen musste, und stiess die Verwünschungsworte aus: «Ich wollte, es würde verdorren - das leidige Gras!»
Am andern Morgen sah man das Gras wirklich verdorrt. Die Hirten gafften einander an und sagten: «Der Dreck ist dürr». Daher hat nun auch das Isländische Moos unter dem Volke den Namen Dürrgragg oder Blatterian1.
Die gleiche Sage wird auch in Stalden von der Mattwaldalpe (2462 m) erzählt, wo ein lustiger Senn verdriesslich sprach:
«Verfluchtes Gras, Muttrina und Hahnenfuss,
Dass ich dreimal in dem Tage melken muss!»
Frühere schriftliche Quelle: Walliser Sagen, Historischer Verein von Oberwallis, Band 1 (1907), Nr. 223, S. 241, nach Ruppen, 1872, Nr. 2, S. 108, und Walliser Monatsschrift, 1863, Nr. 10, S. 77.
Aus: Josef Guntern, Volkserzählungen aus dem Oberwallis. Sagen, Legenden, Märchen, Anekdoten aus dem deutschsprechenden Wallis. Basel 1978. © Mit freundlicher Genehmigung der Erbengemeinschaft. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung. www.maerchenstiftung.ch