Mutabor Märchenstiftung

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Der Kornfluch

Land: Schweiz
Kanton: Wallis
Region: Goms
Kategorie: Sage

In den Tälern von Goms war früher gar grosser Überfluss an Korn und Brot. Niemand hungerte, denn an jedem Halme auf dem Acker sprossen zwölf schwere Ähren.

Vor der Reife ging eines Tages eine reiche Mutter, ihr jüngstes Kind an der Hand führend, hinaus aufs Feld, um ihre Matten und Äcker zu besichtigen. Stolz stand sie an einem ihrer Felder, auf dem sich fingerdicke Halme unter der Last der Frucht zur Erde neigten. In stiller heimlicher Freude überschlug sie bei sich den diesjährigen Gewinn der Ernte, denn sie war nicht weniger habsüchtig als stolz.

Wie sie so sann und rechnete, kam ein Bettler an sie heran, rühmte den schönen Acker und die prächtige Frucht, und in seinen Worten lag versteckt die Bitte um ein Almosen.

Das Weib aber fuhr ihn mit harter Rede an und rief: «Lieber will ich mein Korn an die Hunde wegwerfen, als an dich verschwenden, du garstiger Bettler! Gleich machst du, dass du mir aus den Augen kommst!»

Gleich nachher entwürdigte sie in schändlichem Undanke gegen Gott die goldene Frucht. Sie raufte eine Handvoll Ähren und reinigte damit ihr Kind. Sogleich brach die Strafe über sie herein. Wie sie wieder aufblickte, stand vor ihr nicht mehr der arme, hinfällige Bettler, sondern ein Engel mit strahlendem Antlitze und leuchtendem Gewand. Mit furchtbar drohendem Blicke wandte er sich an das Weib und sprach: «Wohlan, ich bin von Gott gesandt worden, dass ich dich prüfe, zum letzten Mal. Du hast die Probe nicht bestanden. Lieber wolltest du das Brot den Hunden geben als einem Armen. Und zuletzt hast du die Gabe Gottes, die heilige, schlimmer entehrt als ein Hund. Geiziges, schändliches Weib, höre nun die Strafe: Fortan wachse auf jedem Halme statt zwölf Ähren nur mehr eine Ähre. Diese aber lässt Gott nicht mehr wachsen um der Menschen willen, sondern aus Liebe zu den Hunden, welche die Gottesgabe besser ehren als die Menschen.

Der Engel verschwand. Am Himmel aber ballten sich schwarze Wolken zusammen, und ein schweres Unwetter brach los, Schlossen prasselten auf die Felder herab. Als der Sturm vorübergegangen war, fand man, dass der Hagel an jedem Halme elf Ähren zerschlagen hatte und nur eine einzige stehen liess. Seit diesem Tage wächst auf jedem Kornhalme nur mehr eine Ähre. (Adr. Weger)

Frühere schriftliche Quelle: Walliser Sagen, Historischer Verein von Oberwallis, Band 1 (1907), Nr. 232, S. 250.

Aus: Josef Guntern, Volkserzählungen aus dem Oberwallis. Sagen, Legenden, Märchen, Anekdoten aus dem deutschsprechenden Wallis. Basel 1978. © Mit freundlicher Genehmigung der Erbengemeinschaft. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung. www.maerchenstiftung.ch