Das verlorene Tal
Lange bevor sich des ersten Touristen Fuss auf den Monte Rosa (4634 m) setzte, gingen Jäger an diesen einsamen Plätzen vorbei. Einige davon erzählten, sie hätten mitten im Gletscher ein grosses grünes Tal - ein richtiges kleines Paradies - gesehen. Gott hatte dieses Tal besonders in seinen Schutz genommen und vor bösen Geistern bewahrt, so dass dieses Gebiet an der Quelle der Vispe nie mit ewigem Schnee bedeckt würde. Die Sonne schien auf Alleen von Kirsch- und Zwetschgenbäumen. Auf mit Blumen besäten Wiesen spielten Gemsen und Murmeltiere. In blauer Luft kreisten Adler und Krähen, und auf Bäumen balzten Waldhähne. Zwischen den Sträuchern schlichen die Schneehühner. Hier lebte alles im schönsten Frieden. Alpenrosen, Edelweiss, Enzian und Männertreu entfalteten eine Farbenpracht, und ein nie dagewesener Duft verbreitete sich an diesem Ort, den bis heute nie ein Mensch betreten hatte.
Hasen und Füchse spielten unter den tausendjährigen Arven mit Zapfen, deren Kerne so gross wie Nüsse waren. Ewig verflucht sollte jeder Jäger sein, der es wagen würde, diese Stille durch einen Schuss zu stören, und seine Verwegenheit würde er mit einem plötzlichen Tod bezahlen. Die Sage meldet, nur alle sieben Jahre wird der Bergalte einem Bergler mit reinem Gewissen dieses verlorene Tal zeigen, denn kein Sünder darf in das Paradies hineinschauen.
Quellenangabe: Lehner, Sagen, 1963, S. 9 (Von Zermattern erzählt).
Aus: Josef Guntern, Volkserzählungen aus dem Oberwallis. Sagen, Legenden, Märchen, Anekdoten aus dem deutschsprechenden Wallis. Basel 1978. © Mit freundlicher Genehmigung der Erbengemeinschaft. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung. www.maerchenstiftung.ch