Das verlorene Tal
Die deutschen Bewohner von Macugnaga sprechen von einem verlornen Tale, dessen unzugängliche Stätte sie hinter das Filarhorn (3676 m, im Monte Rosa-Massiv) verlegen. Aus diesem vermuteten Tale strömt der grosse Brunnen, eine prächtige Quelle am Fusse des begrasten Abhanges. Sie ist die einzige im Tal, die im Winter nicht versiegt, ja sie fliesst das ganze Jahr hindurch ungefähr gleich stark und selbst mit gleicher Wärme, so dass sie Winters lau, und Sommers eiskalt erscheint. Der Boden ist rings an einzelnen Stellen eingesunken; auch glaubt das Auge durch einige Strecken, die mit Erlen (Troseln) bewachsen sind, den Lauf des unterirdischen Baches gegen die Gletscher hin verfolgen zu können. Das Volk hat sich diese Erscheinung nach seiner Weise erklärt.
Der grosse Brunnen strömt aus dem «verlornen Tal» herab, das jenseits des Filarhorns zwischen Schneefeldern und Gletschern verborgen liegt, abgeschlossen von aller Welt, so dass selbst die kühnsten Gemsjäger sich begnügen müssen, es von der Zinne irgend einer jähen Felswand herab zu betrachten. Es ist reich an Wäldern und Wiesen, ein Wohnsitz wilder Tiere. Früher war es bewohnt, wie noch aus den Mauern verlassener Hofstätten erhellet; aber die Menschen sind fortgewandert, weil die Gletscher allmählich jeden Ausgang geschlossen haben. Auch dem Wasser wurde derselbe zuletzt gesperrt, und es musste sich die unterirdische Bahn suchen bis ins Tal von Macugnaga, dem es nun als «grosser Brunnen» seine Segnungen spendet.
Quellenangabe: Vernaleken, 1858, Nr. 2, S. 9, nach Albert Schott, Die deutschen Colonien in Piemont, Stuttgart und Tübingen 1842, S. 55.
Aus: Josef Guntern, Volkserzählungen aus dem Oberwallis. Sagen, Legenden, Märchen, Anekdoten aus dem deutschsprechenden Wallis. Basel 1978. © Mit freundlicher Genehmigung der Erbengemeinschaft. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung. www.maerchenstiftung.ch