Mutabor Märchenstiftung

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Das seltsamste Ding der Welt

Land: Spanien
Kategorie: Zaubermärchen

Es war einmal ein König. Der war Witwer und hatte drei Söhne. Und in einem andern Reich lebte eine Königin, die war Witwe und hatte eine sehr schöne Tochter. Und der König und die Königin lernten einander kennen und heirateten sich. Und da die Tochter der Königin fast ebenso alt war wie die drei Söhne des Königs, verliebten sich alle drei in sie und wollten sie heiraten.

Da gingen die drei zu ihrem Vater, und der älteste sagte zu ihm: «Hört, lieber Vater, wir möchten alle drei unsere Stiefschwester heiraten, und da es doch nicht angeht, dass sie sich mit dreien ver­ heiratet, so bitten wir Euch, Ihr möchtet entscheiden, wer von uns sie heiraten soll. Mit dem, was Ihr sagt, werden wir uns zufrieden geben.»

Und der Vater sagte zu ihnen: «Meine Söhne, es ist eure Stiefschwester, und da scheint mir, keiner sollte sich mit ihr verheiraten, aber da ihr es trotzdem wollt, so macht euch auf den Weg und seht zu, dass ihr mir das seltsamste Ding der Welt bringt, und wer von euch damit zurückkommt, der mag sie haben.»

Die drei Brüder zogen in die Welt hinaus und machten sich auf die Suche nach dem seltsamsten Ding. Und als sie an eine Wegkreuzung kamen, schlug jeder eine andere Richtung ein. Der Älteste kam in eine grosse Stadt und begann sogleich, überall herumzusuchen. Als er schon den ganzen Markt und alle Plätze nach dem seltsamsten Ding abgesucht hatte, fand er plötzlich einen Teppich, der hatte eine Sprungfeder. Wenn man darauf stieg, ging die Feder los, und man konnte so hoch fliegen, wie man wollte. Und er sagte zu dem, der ihn verkaufte: «Wie viel wollt Ihr für diesen Teppich haben?»

Der antwortete ihm, dass er tausend Taler koste. Da gab er ihm die tausend Taler und ging mit dem Teppich fort.

Indessen war der zweite in ein Dorf gekommen, wo ein Mann war, der ein Fernrohr von einer halben Ellenlänge verkaufte. Und er ging zu ihm hin und sagte: «Lieber Mann, ich suche überall ein sehr seltsames Ding. Sagt mir, was verkauft Ihr?»

Und er antwortete ihm: «Nehmt dieses Fernrohr und schaut hindurch. Was wollt Ihr sehen?»

«Meinen Bruder.»

Und der Jüngling blickte durch das Fernrohr und sah seinen Bruder mit dem Teppich dahinwandern. Da sagte er zu dem Händler: «Wieviel wollt Ihr für das Fernrohr haben?»

«Nun ja. Mit tausend Talern geb’ ich mich zufrieden.»

Da gab er ihm die tausend Taler und zog mit dem Fernrohr ab. Inzwischen hatte der dritte auch eine Stadt erreicht und suchte ebenfalls auf dem Markt und allen Plätzen nach einem sehr seltsamen Ding. Da sah er auf einem Platz einen alten Mann, der Äpfel feilbot und dabei sagte: «Äpfel, gute Äpfel, die Kranke heilen!»

Der Jüngling ging zu ihm hin und fragte: «Was ist denn Besonderes an diesen Äpfeln?»

«Diese Äpfel können Kranke wieder gesund machen, wenn man ihnen damit über das Gesicht streicht, sodass sie den Apfel riechen.»

Darauf sagte der Jüngling: «Gut, so einen Apfel will ich kaufen und ihn nach Hause bringen. Wieviel wollt Ihr für den Apfel haben?»

«Tausend Taler», antwortete ihm der andere.

Da gab er ihm die tausend Taler und ging mit dem Apfel fort.

Auf der Reise nach Hause bekam der Bruder mit dem Fernrohr plötzlich Lust, seine Brüder zu sehen. Er blickte hindurch und fand den Ältesten. Und er wanderte zu ihm hin und dieser sagte: «Weisst du, wo unser jüngster Bruder ist?»

«Da nimm das Fernrohr und guck hindurch.»

Der andere tat es und erkannte den jüngsten Bruder, der allein seines Weges zog. Und da sagte der Älteste: «Dies Fernrohr willst du wohl dem Vater bringen?»

«Ja, das will ich.»

«Nun sieh her, ich bringe ihm ein sehr viel seltsameres Ding mit. Sieh diesen Teppich hier. Sowie man ihn betritt, steigt er hoch und fliegt so hoch, wie man will und wohin man will.»

Der zweite sagte darauf zu ihm: «Gut, das wollen wir gleich einmal sehen.»

Und sie stellten sich darauf, und sofort stieg der Teppich mit den beiden in die Höhe. Und sie flogen in den Ort, wo sie den jüngsten Bruder im Fernrohr entdeckt hatten.

Nun waren alle beisammen. Und sie fragten den Jüngsten, was er gekauft habe. Und der erzählte: «Ich habe hier einen Apfel gekauft; wenn man damit über das Gesicht eines Kranken streicht, sodass er ihn riecht, wird er auf der Stelle wieder gesund.»

Nun gut! Dann traten sie alle drei auf den Teppich, und die Feder ging los, und die drei flogen ganz, ganz hoch. Und nachdem sie so einige Zeit geflogen waren, nahm der Jüngste das Fernrohr seines Bruders und sah hindurch und sagte: «O weh, was sehe ich? Die Stiefschwester liegt sterbenskrank im Bett.»

Da sagt der Jüngste: «Lass uns schnell machen.»

Und so schnell sie konnten, flogen sie mit dem Teppich nach Haus. Sie traten ein, als das Mädchen schon in den letzten Zügen lag. Der Jüngste ging mit seinem Apfel zu ihr hin und liess sie daran riechen.

Im diesem Augenblick fühlte sie sich schon besser, und nach einigen Tagen war sie ganz gesund.

Da gingen die drei zu ihrem Vater und zeigten ihm, was jeder mitgebracht hatte.

Und der Jüngste sagte: «Vater, ich werde sie bekommen; denn der Apfel, den ich mitgebracht habe, hat sie gesund gemacht.»

Und der zweite sagte: «Nein, ich werde sie bekommen, denn ohne das Fernrohr hätten wir nicht gewusst, dass sie krank war.»

Der Älteste sagte: «Aber nein, ohne den Teppich wären wir niemals rechtzeitig gekommen, darum muss ich sie haben.»

Und der Vater dachte eine Weile nach und sagte dann: «Meine Söhne, mir scheint, der mit dem Fernrohr hat das grösste Verdienst.»

Darauf schwiegen die beiden andern, und der Vater ging zur Stieftochter und sagte ihr dasselbe. Das Mädchen aber meinte: «Mir scheint, dem mit dem Apfel gebührt das grösste Verdienst. Ihn habe ich von jeher am liebsten gehabt und mit ihm möchte ich mich verheiraten.»

Und so verheiratete sie sich mit dem jüngsten Bruder. Nun gut! Hätte sie das gleich von vornherein gesagt, wäre die ganze Geschichte nicht nötig gewesen, und ich hätte das Märchen nicht erzählen müssen.

Aus: D. Jaenike, Kindermärchen aus aller Welt, Mutabor Verlag, © © 1991, Diederichs, München in der Verlagsgruppe Random House GmbH.: H. Meier und F. Karlinger (Hrsg): Spanische Märchen