Das weisse Pferd in Urezas
Als man zwischen einzelnen Landschaften bestimmte Grenzen zog, kamen die Gemeinden Fetan und Steinsberg wegen der Teilung eines Stückes Land, nämlich der Gegend zwischen der Alp Urezas und Urschei, in Streit. Die stärkere Partei, der Vogt von Fetan und seine Untertanen, trugen den Sieg davon, und teilten nun das Land nach ihrem Belieben, freilich zu Ungunsten Derjenigen von Steinsberg. - Der Vogt liess an der Grenze eine Schanze aufwerfen, oder vielmehr eine hohe Mauer errichten; vom Rosse herab sah er hohnlächelnd der ungerechten Teilung zu. Er war Richter und seinem Spruche mussten die Steinsberger sich fügen.
Nun muss er aber fast jede Nacht um zwölf Uhr, auf seinem Schimmel reitend, zur Schanze hin, dort ein paar Male diese entlang, auf und ab reiten, dann in schnellem Trabe ins Dorf Steinsberg reiten, immer durch die gleiche Gasse, in der sein Haus gestanden, und unter den Hufen des Pferdes sprühen die Steine Funken; dann reitet er durch mehrere andere Gassen, führt dann den Schimmel zu einem Brunnen, um ihn trinken zu lassen. Hierauf setzt er sich wieder zu Pferd, sprengt den Alpweg wieder hinan, und macht, an der Mauer angekommen, seinen Ritt an derselben auf und ab, stösst zuletzt einen erschrecklichen Pfiff aus, und verschwindet.
Quelle: Volksthümliches aus Graubünden, D. Jecklin, vollständige Neuauflage, Berlin 2014
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.