Die Hexe zu Fetan
Einige Burschen, die in der Mitternachtsstunde von Klein-Fetan nach Gross-Fetan sich begaben, sahen, vom Mondschein begünstigt, auf einer Wiese an der Strasse einen menschlichen Körper am Boden liegen. Sie gingen hin, wendeten den Körper um, denn dessen Gesicht war der Erde zugewandt, erkannten sogleich ein armes, altes Weib aus Klein-Fetan und hielten die Arme für tot. Darauf trugen sie sie in ein nahestehendes Haus, legten sie in ein Zimmer, machten schnell Licht und sahen sich, ganz betroffen über diesen Fund, gegenseitig stillschweigend an, als sie in der Stube eine umfliegende Biene gewahrten, die der Leiche sich näherte, und endlich in den offenen Mund derselben schlüpfte. Kaum war das Insekt verschwunden, schlossen sich die bleichen Lippen, und die gute Alte richtete sich auf und blickte erstaunt umher und mahnte die verdutzten Jünglinge künftig in Ruhe zu lassen, wenn sie sie wieder einmal irgendwo liegend fänden, damit die Biene zu ihr gelangen könne, das sei ihre Seele.
Quelle: Volksthümliches aus Graubünden, D. Jecklin, vollständige Neuauflage, Berlin 2014
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.