Das Paradies
Ist dir im Bündnerlande das Paradies bekannt?
Eine grause, wilde Wüste, ein ödes Haideland! -
Da grünt kein Gras im Lenze, keine Ziege weidet drin,
Es wälzt sich über Trümmer ein wilder Strom dahin. -
Doch anders wars vor Zeiten, da grünten rings umher
Die Gärten und die Bäume, beladen mit Früchten schwer. -
Alls was dein Herz begehrte, das bot dir dieses Land,
Es ward mit vollem Rechte »das Paradies« genannt. -
Doch drinnen hat gehauset ein Volk in wilder Lust,
Das nährt eine giftge Schlange in den Tiefen seiner Brust. -
Das hat von seinem Schöpfer sich treulos abgewandt
Und Heidentempel erbauet, rings, mit verwegener Hand. -
Ein Eremit ist kommen, den Himmel in dem Blick,
Dass er die Sünder leite auf die rechte Bahn zurück. -
Sie aber spotten Seiner, sie heben die Hand empor;
»Kein Wort mehr, ist dein Leben dir lieb, du alter Thor!« -
Und als in seiner Zelle er betend einst gewacht,
Da haben sie ihn gemeuchelt, in sternenloser Nacht. -
Kaum ist die Sünd begangen, da horch, wies bebt und kracht!
Es hat sich von dem Berge ein Felsstück losgemacht.
Das rollt mit wildem Donner ins grüne Tal hinab ...
Die segensreiche Fläche, sie ist ein schaurig Grab. -
Quelle: Volksthümliches aus Graubünden, D. Jecklin, vollständige Neuauflage, Berlin 2014
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.