Der letzte Ritter von Fracstein
Aus der Lanquart ungeschwächter
Wilder Flut
Halten, als des Tales Wächter,
Hoher Felsen Zweie Hut;
Stehn sich nah genüber, ragen
Schroff empor,
Ein verwittert, abgeschlagen
Höllentor.
Aus des Einen finstrer Grotte
Trotzig schaut
Eine Burg, als wie zum Spotte
Allen Stürmen hingebaut;
Und a's Felsengitter stützet
Eine Maid,
Und in tiefer Brust ihr sitzet
Banges Leid.
Denn von ihres Liebsten treuer,
Trauter Brust,
Von dem Jüngling, der ihr teuer,
Von des Tales grüner Lust,
Ward sie grausam forgerissen,
Hat dem Tross
Roher Knappen folgen müssen
Auf das Schloss –
Und der Ritter naht mit Schrillen
Wilder Hast,
Achtet nicht ihr Sträuben, Bitten;
Doch, wie sie sein Arm umfasst,
Hai es drüben rasch gewunken
Im Gesträuch,
Und der Ritter ist gesunken,
Blutig, bleich.
Starr ein Pfeil ihm steckt im Haupte;
Drüben laut
Jauchzt der Jüngling, dem er raubte
Nächten seine holde Braut!
Und dem Ritter ist gebettet
Rot in Blut,
Und die Jungfrau fühlt entkettet
Freudge Glut.
Plötzlich in der Burg ein Fechten,
Streit, Geschrei;
Denn zum Kampf mit Rittersknechten
Eilt das Volk im Sturm herbei;
Krachend stürzt das Schloss im Feuer,
Doch befreit
Bei dem Jüngling, der ihr teuer,
Steht die Maid,
Quelle: Volksthümliches aus Graubünden, D. Jecklin, vollständige Neuauflage, Berlin 2014
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.