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Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Der Zu-Senne auf der Taminser-Alpe

Land: Schweiz
Kanton: Graubünden
Kategorie: Sage

Vor Jahren hielten auf der Taminser-Grossalpe ein Senne, ein Zu-Senne und der Schreiber sich auf. Sie hatten eine grosse Herde zu besorgen. Unter den Kühen war Eine, die kehrte nie mit den Übrigen heim, und jeden Abend musste der Zu-Senne ihr nach und sie, oft bei Sturm und Wetter, in der ganzen Alpe suchen. Dieser immerwiederkehrenden Mühe endlich überdrüssig, folgte der Zu-Senne einmal dem Tiere, als es sich wieder von der Herde entfernte. Dort, wo der Weg an einem Abgrunde vorbei führte, legte er nasse Tannenrinde, und als die zurückkehrende Kuh darauf trat, glitschte sie aus und stürzte in den Abgrund. Der Erboste blickte lachend hinunter, wo die Kuh zerschmettert lag und rief: »Nun darf ich dich nicht mehr suchen!« Die böse That blieb geheim. -

Der Täter fand aber selbst nach dem Tode keine Ruhe. Nachts, wenn die Herde sich gelagert und Alles still war, hörte man ihn wild heulen und jammern, er machte sich auf, die Kuh unten im Abgrunde aufzuheben und hinauf zu tragen. Oben entfiel ihm die Last und rollte in den Abgrund hinunter; er aber schaute hohnlachend in die grause Tiefe. So drei Male nacheinander. - Endlich bezahlte sein Vater die Kuh, und der Unselige ward erlöst.

Quelle: Volksthümliches aus Graubünden, D. Jecklin, vollständige Neuauflage, Berlin 2014

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.