Der Wolf von Obervaz
Es ging einmal um Obervaz herum ein grosser Wolf, der den Bauern täglich ein Schaf zerriss. Trotz seiner Wildheit lief er dann nach der Mahlzeit zum Brunnen und »lappte« Wasser vom Rohre weg. - Zum Öfteren verfolgten die Bauern das Untier, aber keine ihrer Flinten wollte je losgehen.
Da kam nun einmal ein Tyroler, Meister Paulus genannt, seines Zeichens Scheerenschleifer. in\'s Dorf und vernahm die Plage mit dem Wolfe. - Er lächelte aber nur und sagte, er wolle ihnen schon vom Wolfe helfen, wenn sie ihn machen liessen!
Hierauf grub er von einem angefaulten Sarge ein Brett aus der Erde im Gottesacker, in welchem Brette er ein Astloch erweiterte, dass ein Flintenrohr durchgehen konnte, ladete selbst die Flinte und gab sie Einem mit der Weisung, wenn der Wolf wieder zum Brunnen komme, gut zu zielen und zu schiessen. Das befolgte der Mann. Mit fürchterlichem Knalle ging der Schuss los, und - der Wolf war getroffen. - Es fiel aber kein Wolf, sondern der Pfarrer einer benachbarten Gemeinde; der lag tot neben dem Brunnenstocke, wo er als Wolf Wasser »gelappt« hatte.
Der Meister Paulus aber nahm sich diesmal nicht lange Zeit die Schuhe zu binden.
Quelle: Volksthümliches aus Graubünden, D. Jecklin, vollständige Neuauflage, Berlin 2014
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.