Das Totenvolk in der Kirche zu Schuders
Ein Bürger von Schuders musste als vierzehnjähriger Knabe seinem, als »Messmer« dienenden Vater eine Zeitlang helfen, den »Tag anläuten«, weil Derselbe in Folge Verletzung einer Hand, nicht alleine die Glocke ziehen konnte.
Als sie nun in der Christnacht in die Kirche traten, durch welche man in den Turm gelangt, gewahrte der Sohn, nachdem der Vater schon vor der Türe durch eine bedeutungsvolle Gebärde auf etwas Seltsames ihn vorbereitet hatte, eine solche Menge Gestalten, dass es ihm war, als müssten sie durch dichtes Menschengedränge zum Turme hin sich durcharbeiten. Die ganze grosse Versammlung der Gestalten trug schwarze Communions-Tracht. Und es folgte nun ein so seltsames Gemurmel und dann ein so traurig-wehmütiger Gesang, dass dem Vater und dem Sohne ganz »wind und weh« wurde. – Von der ganzen Gesellschaft vermochte der Sohn nur die damals noch lebende Grossmutter zu erkennen, die aber innert Jahresfrist starb.
Als Vater und Sohn vom »Tagläuten« aus dem Turme zurückkehrten, beschien der Mond der Kirche leeren Raum.
Quelle: Volksthümliches aus Graubünden, D. Jecklin, vollständige Neuauflage, Berlin 2014
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.