Das Alp-Segnen
In der Malanser-Alpe Tarnuz (im Vättiser- Thale) waren gar fromme Sennen, die allabendlich über das, ihnen anvertraute Vieh einen Segens-Spruch taten.
Nun hatte aber der Ober-Senne einen Lieblingsschimmel (eine weissgraue Kuh), die er eines Abends streichelte, und dann auf einen besonders guten 'Weideplatz führte, indes das übrige Vieh des Segensspruches wegen, um die Sennhütte herum versammelt wurde. Der Senn gedachte den »Schimmel« allein und besonders zu segnen.
Als nun die Sennen sagten:
»Gott b'hüet is d's Veh in dunkler Nacht,
Halt' selber üs'ra Berga Wacht!«
zog eben eine Wolke den Berg herauf, die Sturm und Gewitter mit sich brachte. Das schaffte den Alpknechten grosse Not und Arbeit, so dass der Obersenne darüber vergass, den Segensspruch über den Schimmel auszusprechen. - Indessen kam der Schimmel von seinem Weideplatze heim, und wurde mit dem andern Vieh in den Stall gebracht. Es donnerte und blitzte die ganze Nacht hindurch, und der Sturm rüttelte und schüttelte an der morschen Alphütte.
Am Morgen trafen die Älpler alles Vieh gesund und wohlbehalten an, ausser dem Schimmel, der war vom Blitze erschlagen, worüber der Obersenn so sich grämte, dass er am gleichen Tage die Alpe verliess, und nie wiederkehrte.
Quelle: Volksthümliches aus Graubünden, D. Jecklin, vollständige Neuauflage, Berlin 2014
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.