Die Schlüsseljungfrau in Castrinis
Oberhalb Untervaz in der Schlucht des Cosenz-Baches befindet sich die Ruine des Schlosses Rappenstein. Links des Tobels, gegenüber, aber einen Büchsenschuss weiter auswärts, liegt, umrahmt von hübschem Buchwalde, eine Bergwiese, die den Namen Castrinis trägt, und die ihrer Zeit zum Schlosse Rappenstein gehörte. In dieser Bergwiese Castrinis steht ein Haus und ein Stall, daneben auch ein Brünnelein. - In dem Hause soll es geistern.
Einer hörte einmal, als er dort vorbeiging, im Hause grossen Lärm, wie wenn man in einem Troge eine Menge Nussschalen ausleere, und dann durcheinanderwühle. (Das war verwünschtes, verwandeltes, sündhaft erworbenes Geld.)
Ein anderer erblickte auf der Wiese eine trächtige »Fährli-Müetter« (Mutterschwein) mit einem mächtigen Bund Schlüssel »i der Schnorra« (Rüssel). Sicherlich die verwünschte Schatzhüterin selber. -
Eine noch (1878) lebende Untervazerin sammelte als Kind dort im Walde Holz und Reisig. Da vernahm sie plötzlich ganz deutlich das Gerassel eines Bundes Schlüssel. Sie schaute auf, und gewahrte eine weissgekleidete Jungfrau unter einem Fenster des Hauses, bemerkte auch, wie Diese ihr winkte. - Sie sei aber erschrocken und »was gisch, was häsch« (in grösster Eile) dem Dorfe zugeeilt, um dort zu erzählen, was sie gesehen.
Quelle: Volksthümliches aus Graubünden, D. Jecklin, vollständige Neuauflage, Berlin 2014
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.