Der fremde Musikant
Eine Maskaradengesellschaft ging übermütig in Closters-Platz herum. Nicht weit von der Kirche begegnete ihr ein sonderbar gekleideter Mann mit Geissfüssen, auf einer »Hand«-Orgel (Harmonika) spielend.
Obgleich Alle vor dem Fremden sich fürchteten, gefiel die Musik, die er machte, ihnen zu gut, so dass sie ihn baten, er möchte mit ihnen gehen, und »aufmachen« (Musik spielen). Der Fremde führte sie nun in viele Häuser; Alles war entzückt über die schöne Musik, überall ging's lustig her. Zuletzt führte er sie noch ausser das Dorf, zu einem Dornbusche hin, vorgebend, jetzt wolle auch er sie gastieren. Vor dem Dornbusche stampfte er auf den Boden, dass es »klepfte« (krachte), und im Nu war der Dornbusch verschwunden, dafür aber befand die ganze Gesellschaft sich in einem grossen, schönen Saale, der aber keine Türe hatte.
Statt dass der fremde Musikant ihnen nun weiter aufgespielt, geschweige sie gastiert hätte, jagte er sie mit einer riesigen, lebendigen Schlange in der Hand so lange im Saale herum, bis Eines nach dem Andern vor Schreck und Angst und Ermüdung umfiel, und die Besinnung verloren hatte. Am Morgen lagen Alle, übel zugerichtet, mit geschwollenen Köpfen, und mit einem langen Stricke aneinander gebunden, um den Dornbusch herum.
Quelle: Volksthümliches aus Graubünden, D. Jecklin, vollständige Neuauflage, Berlin 2014
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.