Der Riese
Auf der Alp "Altsäss" kam den Sennen ein Melkstuhl, so oft man ihn auf den Untersäss mitnahm, wieder auf den Obersäss zurück. Da hiess einst der Senn den Buben den Stuhl vom Obersäss herabholen und versprach ihm seine schöne Glockengeiss, wenn's ihm gelinge. Der Bube lief, schlich, wie er oben ankam, zur Hütte, schaute durch eine Spalte hinein und sah auf dem Stuhle einen riesigen Mann am Kessel sitzen und feuern. Furchtlos, wie der Bube war, rannte er in die Hütte, riss den Melkstuhl unter dem Grossen weg, welcher rücklings niederstürzte, und lief mit seiner Beute dem Untersässe zu.
Statt aber Wort zu halten, lachte ihn der Senn aus. Da kam in der Nacht der Riesige aufs Hüttendach und rief mit schrecklicher Stimme durch die Schindeln hinunter:
"Dem Buben gehört die Glockengeiss!
Wären aber nit gewesen
Die Hitz und der Witz
Und die Beiss - die Glockengeiss
Wär din geblieben!"
Dr. Henne-Am Rhyn, Deutsche Voltssage.
Quelle: Sagen des Kantons St. Gallen, Jakob Kuoni, St. Gallen 1903, Nr. 137, S. 65
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.