Die zwei Alten
Ein müder Wandersmann erreichte bei Anbruch der Nacht eine einsame Hütte. Vor derselben an einem Tisch sass ein alter Mann, den Kopf auf die Tischplatte gestützt; sein langer, weisser Bart hing auf die Erde hernieder und war über den Boden weit ausgebreitet. Diesen fragte er, ob er könnte ein Obdach bei ihm bekommen während der Nacht. Er solle zum Vater gehen und diesen fragen, erklärte der Weissbart. »Was, den Vater fragen?« dachte der Wanderer bei sich. »Dem lebt noch der Vater, und er ist gewiss selber über hundert Jahre alt! Wie alt muss da wohl der Vater sein!« Er trat in die Hütte und fand da einen zweiten Greis, dessen schneeweisser Bart, in zwei Strähne geteilt, um seinen Leib geschlungen war. Er fragte ihn, ob er da übernachten dürfe, und erhielt die Erlaubnis. Doch zu essen hatten die zwei Alten nichts. Am Morgen fragte ihn der mit dem über den Rücken geschlungenen Bart, welche Zeit es sei, und er gab ihm Jahr, Monat und Tag an. Und da klagten die zwei Einsamen: »Ach, es ist noch lange Zeit bis zum jüngsten Tag; denn wisse, Fremdling, wir sind verurteilt, hier zu leiden und zu büssen bis an das Ende der Zeiten.«
Franz Aschwanden
Quelle:Müller, Josef: Sagen aus Uri 1-3. Bd. 1-2 ed. Hanns Bächtold-Stäubli; Bd. 3 ed. Robert Wildhaber. Basel: G. Krebs, 1926, 1929, 1945
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.