Die zwei Wetterhexen in Meien
»Unser zwei halberwachsene Mädchen hüteten im Meiental die Ziegen. Da kamen zwei Weibsbilder daher, eng aneinander geschmiegt wie zusammengeschmiedet, in kurzen, blauen, rotgestreiften Röcken, die bis auf die Knie hinunterreichten, und in weissen Tschööpchen, die bis mitten auf den Rücken hinunterlangten. Je ein Halbstrumpf war rot, der andere schwarz. Unter den weissen Tschoopenärmeln kam etwas rotes hervor, fast wie Stössli. Auf dem Kopf hatten sie, wie ich, einen Lumpen umgebunden, und ihre Gesichtsfarbe war wie bei andern Leuten. So haben auch die Alten allemal die Hexen beschrieben. Als sie an uns vorbeischritten, sagten sie: »Heut Abend gibt's dann noch ein Gewitter.« Es war aber glanzheiter. Der Jochi, der auch in der Nähe war und die zwei Wybervölcher gesehen hatte, aber nicht so nahe, meinte, das seien keine rechten Menschen gewesen. Am Abend gab es ein furchtbares Donnerwetter und fuhren mehrere Rübenen zutale und gschändeten, bis man anfing, in der Talkapelle über Wetter zu läuten. Ja, wenn man in der Kirche läutet, müssen alle Gewitter abgeben. Auf einer der Rübenen fand man später den Rock von einer der beiden Hexen; es scheint, dass sie auch hat draufgehen müssen.«
Frau Wipfli-Baumann, 70 J. alt
Quelle: Müller, Josef: Sagen aus Uri 1-3. Bd. 1-2 ed. Hanns Bächtold-Stäubli; Bd. 3 ed. Robert Wildhaber. Basel: G. Krebs, 1926, 1929, 1945
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.