Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Die Lawine im Rohrtal

Land: Schweiz
Kanton: Uri
Kategorie: Sage

1. Durch das Rohrtal hinunter fuhr die Lawine oder die Rübi. Vorn und hinten auf ihr sass oder stand je eine Hexe. Da läutete es in der dem hl. Gallus geweihten Pfarrkirche zu Wassen mit der grossen Glocke über Wetter, und die Lawine oder Rübi kam zum Stillstand. »Stoss hinnä!« schrie die vordere Hexe, »zich, zich!« die hintere. »Ich mag nimmä ziäh, der Galli briälet z'fast,« oder »Diä gross Vrenä briälet,« schnerzt noch die erstere, und beide verschwinden.

Josefa Baumann, 76 J. alt

2. Einst kam die Lawine ganz besonders gross, so dass der besorgte Sigrist der St. Josefs-Kapelle daselbst eiligst lief und aus allen Kräften das St. Verena-Glöcklein läutete. Jetzt hielten plötzlich die erschreckenden Schneemassen in ihrem tollen Sturze inne, die Lawine stand still, und eine Stimme oben im Rohrtal rief: »Ds Vreni hed üff, m'r 'keemet nimmä wytters.« An jenem Abend fanden die Leute eines Hauses zu Wattingen, dass im Giessfass am Buffet der Hahnen verschwunden war, statt dessen ein Tannenzweiglein darinnen steckte.

Frau Regli-Baumann, 76 J. alt, u.a.

Quelle: Müller, Josef: Sagen aus Uri 1-3. Bd. 1-2 ed. Hanns Bächtold-Stäubli; Bd. 3 ed. Robert Wildhaber. Basel: G. Krebs, 1926, 1929, 1945

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.