Die Sense und die Wetterhexe
1. a) Ein furchtbares Unwetter drohte zu Unterschächen. Während die ersten Tropfen fielen, ergriff ein älterer Mann, dessen Namen bejahrte Leute noch nennen, eine Sense und legte sie, mit der Schneide nach oben gewendet, auf das Hausdach. »Brinzlä jetz nur, dü Häx!« sagte er dabei. Da rief eine Stimme und bat flehentlich, er solle doch um Gotteswillen das nicht machen. Aber er blieb standhaft, und nicht lange ging's, war die Sense mit Blutstropfen besäet. »I ha 'tänkt,« meinte er jetzt, »sy miäß nu ds Hinder verhäuwä.« Da verzog das Unwetter, und die Stimme rief wieder, er habe das rechte Mittel ergriffen, sonst wäre halb Unterschächen untergegangen.
b) Ein anderer meinte bei gleicher Gelegenheit: »D'Häx cha de noch mid-em Hinder drüber appäryttä!«
Frau Gisler-Arnold, 50 J. alt
2. Wenn ein Hagelwetter drohte, legte allemal der alte Schopfler zu Seedorf eine Sense, mit der Schneide nach oben gewendet, auf das Hausdach; sobald ein Hagelstein darauf fiel, hörte der Hagel auf.
Hans Exer, 80 J. alt
Quelle: Müller, Josef: Sagen aus Uri 1-3. Bd. 1-2 ed. Hanns Bächtold-Stäubli; Bd. 3 ed. Robert Wildhaber. Basel: G. Krebs, 1926, 1929, 1945
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.