Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Karl Vonmentlens Katze

Land: Schweiz
Kanton: Uri
Kategorie: Sage

Karl Vonmentlen, der alte, in Seedorf pflegte zu erzählen: »Wir besassen eine graue Katze, die alle Samstagabende fortging. Das isch g'sy wiä-nnä-n-Ühr. Einmal folgte ich ihr heimlich nach. Sie marschierte flott über die Reussbrücke hinüber, über den rechtsufrigen Reussdamm hinauf, schlich zum unbewohnten Gadenhäuschen im Reussacher und schlüpfte da durch ein Loch hinein. Durch die grünen, zum Teil zerschlagenen Fensterscheiben drang ein matter Lichtschein heraus, und ich erlaubte mir, hineinzugucken. Da sah ich unser ›Zysi‹ inmitten einer Schar anderer Katzen, und alle tanzten und musizierten nach Noten. Wenn-i's nitt sälber mit mynän-eignä-n-Äugä g'seh hätt, sä gläubt-i's nitt.«

Jos. Maria Aschwanden, 60 J. alt

Eine ganz ähnliche Geschichte liebte auch alt Nikolaus Schillig in Bürglen als eigenes Erlebnis einer gläubigen Zuhörerschaft aufzutischen. Seine Katze hiess »Stimper«, weil sie einen verstümmelten Schwanz hatte, und der Versammlungsort war ein verlassenes, verborgenes Häuschen auf Schattdorferberg. Zwei Beispiele, wie alte Sagen als eigene Erlebnisse aufgeputzt werden.

Quelle: Müller, Josef: Sagen aus Uri 1-3. Bd. 1-2 ed. Hanns Bächtold-Stäubli; Bd. 3 ed. Robert Wildhaber. Basel: G. Krebs, 1926, 1929, 1945

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.