Der Baumstrunk und die Hexe
In einer Alp des Reusstales liess es dem Vieh nie keine Ruhe. Sie schrieben es einer Hexe zu. Endlich boten die Älpler das ganze Volk der Umgebung auf, und dieses kam von allen Seiten heran und schloss sich im Talboden zu einem Ring zusammen, um die Hexe darin zu fangen. Äs syg ä Wält Volch bi-n-änand gsy. Doch die Hexe zeigte sich nicht. Nur einen Ronen, d.h. Baumstrunk, trafen sie, der am Boden lag. Dem traute niemand etwas Böses zu. Sie ruhten aus, einige nahmen Käse und Brot hervor und fingen an zu essen. Ein Bursche setzte sich auf den Strunk, steckte von Zeit zu Zeit sein Taschenmesser hinein, bohrte und stocherte damit spielend im faulen Holz des Strunkes. Keine Hexe liess sich blicken, und unverrichteter Dinge ging an jenem Tage das Volk auseinander. Später wurde die Hexe doch gefangen und legte, bevor man sie verbrannte, das Bekenntnis ab, an selbem Tage, da sie die Gestalt eines Ronens vorgeblendet habe, sei sie in der grössten Lebensgefahr gewesen. Hätte der Bursche nur noch ein bisschen mehr gestochert, so hätte sie reden müssen oder wäre von ihm erstochen worden.
Joh. Jos. Walker, 70 J. alt, Meitschligen
Quelle: Müller, Josef: Sagen aus Uri 1-3. Bd. 1-2 ed. Hanns Bächtold-Stäubli; Bd. 3 ed. Robert Wildhaber. Basel: G. Krebs, 1926, 1929, 1945
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.