Strafe der Kinderlosigkeit
In seinem Häuschen auf dem Lungenstutz im Maderanertal wurde der alte Indergand eines Nachts durch ein eigentümliches Gemurmel geweckt, das tönte, wie wenn ein Bittgang daherkäme. Er stand auf und schaute zum Fensterchen hinaus. Richtig, da kam ja eine rechte Prozession des Weges, wenn auch Kreuz und Fahne fehlten. Voraus schritt ein Schellenmann in kurzen Hosen und weissem Hemd. Ihm folgte ein Fraueli im Reifrock, diesem ein Priester im Chorhemd, dann kamen die verheirateten Männer und Frauen, hierauf die Ledigen, zuletzt, statt zuerst, wie es sonst bei einem richtigen Bittgang Brauch ist, die kleinen Knaben und Mädchen. Indergand erzählte sein Gesicht später einem Geistlichen und erhielt von diesem als Aufschluss die Antwort: »Der Mann und das Fraueli, die vorausschritten, sind in ihrem Leben ein Ehepaar gewesen, das keine Kinder gewollt hat. Die Nachfolgenden hätten seine Nachkommen sein können und sollen.«
Albin Loretz, Maderanertal
Quelle: Müller, Josef: Sagen aus Uri 1-3. Bd. 1-2 ed. Hanns Bächtold-Stäubli; Bd. 3 ed. Robert Wildhaber. Basel: G. Krebs, 1926, 1929, 1945
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.