Der Venediger und die Gemsjäger
Noch ganz wohl mag ich mich erinnern, dass im Gasthof zu Unterschächen ein Venediger sich aufgehalten hat. Während dieser Zeit geschah es, dass drei Unterschächner, der Schlätterchämpfli, der Hälferhansi und noch einer, mit der Büchse, das heisst: auf die Gemsjagd gingen. Auf ihren Streifereien stiessen sie auf eine Gand, und darinnen glitzerten und schimmerten die Steine wunderbar. »Das müssen köstliche Steine sein«, dachten sie und fingen an, ihre Säcke damit voll zu packen, bis einer sagte, sie wollten doch Gemsen schiessen und nicht Steine sammeln; die seien ihnen ja nur im Wege. Jetzt schleuderten sie die meisten wieder weg und gingen auf die Gemsen los. Sobald sie eine oder zwei geschossen, machten sie sich auf den Heimweg. Dem Venediger im Gasthofe zeigten sie die gefundenen Steine. »O, iähr torechtä Mannä!« rief dieser aus, »hättet iähr deerä Stei gsüecht, statt da Gämsehänä z'passä; rych Mannä wäred-er!« Als sie am nächsten Tage wieder auf die Suche gingen, konnten sie die Gand nicht mehr finden.
Theresia Gisler, 73 Jahre alt, Spiringen
Quelle: Müller, Josef: Sagen aus Uri 1-3. Bd. 1-2 ed. Hanns Bächtold-Stäubli; Bd. 3 ed. Robert Wildhaber. Basel: G. Krebs, 1926, 1929, 1945
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.