Das Kind und die Katze
In einem Hause, wo die Mutter ihrer Niederkunft nahe war, übernachtete ein Bettler, und der betete laut und inbrünstig: »Nid i der Stund, i d'r andärä; nid i der Stund, i d'r andärä!« Nachdem das Kind zur Welt gekommen, fragten sie den Bettler, warum er so gebetet habe. Dieser betrachtete das Geschöpflein mit einem barmherzigen Blick und sagte: »Das Kind ist trotz meines Gebetes in einer unglücklichen Stunde geboren; es wird sich, grösser geworden, hängen.« Da erschraken die Eltern und eilten zu einem Geistlichen, ihn um Rat zu fragen. Dieser unterwies sie: »Lehret das Kind, zu allem, was es tut, sagen: In Gottes Namen.« Die Eltern befolgten den guten Rat und lehrten darnach durch Wort und Beispiel das Kind. Sobald es 7 Jahre alt war, ging es in die Küche und wollte sich an der Hähli, d.h. an der Kesselkette, erhängen. Eine Katze oben auf dem Turner bestrebte sich, ihm zu helfen und die Kette zu ergreifen und hinüberzuwerfen. Wie es aber sagte: »So nimm-si i Gotts Namä!« konnte sie nicht mehr. Längere Zeit probierte das Kind, bis es ihm endlich verleidete. Nachher sagte es zu den Leuten: »Ich ha nitt chennä!«
Fr. Arnold-Stadler, Bürglen, 90 J. alt.
Quelle: Müller, Josef: Sagen aus Uri 1-3. Bd. 1-2 ed. Hanns Bächtold-Stäubli; Bd. 3 ed. Robert Wildhaber. Basel: G. Krebs, 1926, 1929, 1945
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.