Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Der Tod beim Mittagessen

Land: Schweiz
Kanton: Uri
Kategorie: Sage

Dem alten Sigrist von Schattdorf, der spät in der Nacht den Friedhof begehen musste, geriet ein Totenschädel in den Weg; verächtlich gab er ihm einen tüchtigen Fusstritt, dass er weit davon rollte, und sprach höhnisch dazu: »Channsch de morä züe-m'r chu ds Mittag ässä.«

Das Ding ist gut. Der Sigrist, der nicht weiter an seine Worte denkt, und seine Familie sitzen am magern Mittagstisch. Da klopft's an der Türe. »Nur innä,« rufen alle miteinander. Die Türe geht auf, herein tritt ein langer, spindeldürrer Mann, an dem nichts als Knochen, schreitet auf den Sigrist los und reicht ihm die Hand. Der Sigrist starrt ihn an. »Du kennst mich nicht?« fragt der Unbekannte; »ich bin's, den du letzte Nacht zum Mittagessen eingeladen. Und ich lade dich jetzt ein, mit mir zu kommen.« Da wurde der Sigrist hinter dem Tische gar bleich, und seiner Hand entsank der Löffel; er musste mit, da gab's keinen Pardon; den er zum Mittagessen geladen, es war der harte, der unerbittliche Tod.

Frau Gamma-Gamma, 80 J. alt, u.a.

Quelle: Müller, Josef: Sagen aus Uri 1-3. Bd. 1-2 ed. Hanns Bächtold-Stäubli; Bd. 3 ed. Robert Wildhaber. Basel: G. Krebs, 1926, 1929, 1945

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.