Geistermesse zu Sankt Jakob
Es war sehr früh am Morgen, als ein frommer Mann von Flüelen, den der Vater meiner 85 Jahre alten Erzählerin noch gekannt hat, sich nach Altdorf begab, um bei den ehrwürdigen Vätern im Kapuzinerkloster die Andacht zu machen. In der Kapelle Sankt Jakob am Riedweg bemerkte er Licht. Darüber erstaunt, öffnete er die Türe und schaute in das Gotteshaus hinein. Zu seiner Verwunderung standen zu dieser ungewohnten Stunde Priester an den drei Altären und lasen die heilige Messe; von keinem derselben konnte er den Kopf sehen; es machte den Anschein, als hätten sie alle ihr Haupt tief nach vorn geneigt. Ein eigentümlicher Schauer erfasste den biedern Flüeler. Er verliess den geheimnisvollen Ort. In diesem Augenblick ging ein leises Schluchzen durch das Gotteshaus. Der Flüeler beeilte sich nun, das Kloster zu erreichen, und erzählte dort einem Pater sein jüngstes Erlebnis. Dieser belehrte ihn, dass er der ganzen heiligen Messe hätte beiwohnen sollen; er würde in diesem Falle die drei Priester erlöst haben, die bei seinem Weggang so geweint haben.
Frau Lussmann-Infanger, Flüelen
Quelle: Müller, Josef: Sagen aus Uri 1-3. Bd. 1-2 ed. Hanns Bächtold-Stäubli; Bd. 3 ed. Robert Wildhaber. Basel: G. Krebs, 1926, 1929, 1945
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.