Das Märchen von dem Mann im Garten
Was für ein schöner Sommertag: Im Garten küssten die Schmetterlinge tanzend und gaukelnd Blume um Blume, die Vögel sangen ihr Lied in den Zweigen, die Blüten verströmten tausend Düfte. Zwischen den Blüten schwirrten die Bienen umher und summten geschäftig, die Ameisen taten ihr Werk ohne Ende. Und dort inmitten der Gartenpracht ging froh gelaunt ein Mann spazieren und wusste vor lauter Herrlichkeit nicht, was er anfangen sollte. Am Wege sah der Mann eine rote Rose. Wie schön sie war und wie gut sie roch! Und siehe, schon hatte der Mann sie gepflückt und seine Nase in ihren Kelch getaucht. Mit der Nase im Rosenkelch ging der Mann weiter, da erschien vor ihm eine gelbe Rose, auf deren Blättern wie Perlen die Tautropfen glänzten. Schnell liess er die rote Rose fallen und pflückte die gelbe, und – hach! – mit geschlossenen Augen liess er sich ihren Duft in die Nase strömen. Mit der gelben Rose – wie herrlich sie duftete! – ging der Mann weiter. Und auf seinem Weg, was sah er? Da lagen ja Blätter am Boden – und oh, wie schön waren die Blätter geformt! Er beugte sich nieder und las sie auf – die gelbe Rose entfiel seiner Hand – und mit den Blättern, den schön geformten, in seiner Hand lief er weiter, der Mann, er lief und – aber halt: War ihm da nicht der Duft des Jasmins in die Nase gedrungen? Er blickte sich um. Ja, dort stand der Jasmin, dort stand er und glänzte im Sonnenschein! Und der Mann lief auf den Jasminbaum zu so schnell er nur konnte – doch auch so schnell er nur konnte, war nicht so schnell, wie er wollte - und je näher er dem Jasminbaum kam, desto stärker umfing dessen Duft seine Nase.
Da trat der Mann wie in eine andere Welt: Seine Hand griff nach den Jasminblüten – die schön geformten Blätter entglitten ihr - und er pflückte eine, zwei drei von ihnen. Und mit den Jasminblüten anstelle der Blätter lief der Mann weiter, er lief und lief. Er lief, der Mann und kam an ein Bächlein das schlängelte sich durch die Wiesen hin und wie lieblich das rauschte: Der Mann war ganz trunken von diesem Klang! Er setzte über das Bächlein hinüber, und am anderen Ufer, was lachte ihn da an? Eine Blume, eine Blume so wunderbar, wie er noch keine gesehen hatte! Und hellblaue Blätter hatte die Blume, hellblaue Blätter!
„Die muss ich haben!“ dachte der Mann und hatte die hellblaue Blume gepflückt. Ja, und die Jasminen? Ach die Jasminen. Nun, die waren zu Boden gefallen wie all die anderen Blumen zuvor. Der Mann betrachtete hingerissen die hellblaue Blume und presste sie voller Entzücken an seine Wange.
Aber dort, nanu – dort zwischen den Zweigen, was war das? Dort leuchtete noch eine Blume: eine andere Blume, eine schönere Blume! Nach dieser Blume streckte sich nun seine Hand – was sie hatte, entfiel ihr – und pflückte sie. Und mit der neuen Blume – sie war grösser als all die anderen Blumen – lief der Mann weiter, lief weiter, und mit geschlossenen Augen – so trunken war er - atmete er berauscht ihren Duft, lief weiter und ..mit geschlossenen Augen lief er – er merkte es nicht – aus dem Garten hinaus, immer weiter hinaus, immer weiter und ... Aber halt! Die Blume in seiner Hand: Er roch sie nicht mehr! Da schlug der Mann die Augen auf und wie er sie aufschlug, fand er in seiner Hand die Blume verwelkt und der Garten, in dem sie zu Tausenden blühten – wie war das geschehen? – war nicht mehr zu sehen.
Quelle: Blumenmärchen aus aller Welt, Mutabor Verlag