Erzählen
wirkt Wunder

Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Die weisse Taube

Land: Schweiz
Kanton: Uri
Kategorie: Sage

Schon dreimal nacheinander hatte der Sigrist Zwyssig in Altdorf, wenn er morgens früh die Kirche betrat, um zu beten zu läuten, in der hintersten Kirchenbank ein Mannenvolk gesehen, das da kniete und den Kopf auf die gekreuzten Arme auf der Betbank herunter gesenkt hatte. Da meinte er endlich, er gehe nicht mehr allein in die Kirche, es grause ihm, und sagte es einem Kapuziner. Der begleitete ihn am nächsten Morgen und redete die Erscheinung an. Diese sagte, dass ihr nur zehn Messen fehlen, so wäre sie erlöst, aber sie habe eben nur arme Verwandte, die es nicht vermögen, solche für sie lesen zu lassen. »Wennd's nur a' dem fählt«, sagte der Kapuziner, »dem isch scho abz'hälfä; diese zehn Messen werde ich schon selber für dich lesen.« Der Tote versprach noch, ihm ein Zeichen zu geben, wenn er erlöst sei. Als dann der Kapuziner die zehnte Messe las, erhob sich nach der Wandlung vor ihm eine schneeweisse Taube und flog gegen Himmel. Jäh, das isch den ä gettlichi Wahrheit; das het de d'r Sigrisch Zwyssig miër meh as zächä Mal v'rzellt und andärä-n-äu.

Fr. Gisler-Huber, 72 J. alt, Wäscherin und Wacherin

Quelle: Müller, Josef: Sagen aus Uri 1-3. Bd. 1-2 ed. Hanns Bächtold-Stäubli; Bd. 3 ed. Robert Wildhaber. Basel: G. Krebs, 1926, 1929, 1945

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.