Frost und Kälte schmecken
a) Wir hatten in unsern Schuljahren eine Arbeiterin, die uns Kindern immer Gespenstergeschichten erzählte. So sagte sie uns einmal, es sei in den Bergen einem Wanderer eine Person begegnet, die über Stock und Stein ging. Als er sie fragte: »Wohin des Weges?«, antwortete sie: »Ich komme von den Niederlanden und muss auf den Hüfigletscher, um dort Frost und Kälte zu schmecken.«
Schriftlich von Frau Oberst Epp-Schmid, Altdorf
b) Eine andere Person erzählt: Im Reusstal hirtete eines Morgens in aller Frühe ein junger Mann die Kühe. Er pfiff so vor sich hin, und da erblickte er auf einmal ein Weibervolk, das eilig daherkam und die Haare über den Kopf hinunterhängte. »He da, Jungi«, rief lustig der Mann, »wohin so in aller Frühe?« Und sie antwortete: »Auf den höchsten Berg, um Hitz und Kälte zu erfahren. Ich komme aus dem Freien Amt, und mein Leib liegt noch warm auf dem Totenbett!«
Quelle: Müller, Josef: Sagen aus Uri 1-3. Bd. 1-2 ed. Hanns Bächtold-Stäubli; Bd. 3 ed. Robert Wildhaber. Basel: G. Krebs, 1926, 1929, 1945
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.